Archiv der Kategorie 'Kritik'

Redebeitrag der antifahorgau zum Gazakonflikt

Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,

auch wenn der Konflikt im Gazastreifen schon einige Wochen zurückliegt, erregt er, zu Recht, noch einige Rezeption.
Wir, die Antifa Horgau, wollen einen Blick zurückwerfen, vor allem den Bezug auf antisemitische und antizionistische Vorgehensweisen beleuchten und die Frage behandeln, wie weit antisemitische Tendenzen auch heute noch in der deutschen, europäischen und weltweiten Gemeinschaft verankert sind.
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Schwul oder was?

Heutzutage fungiert sogar schon die BILD Zeitung als aufklärerisches Organ

Jedem ist die Problematik bewusst: Geht man wahllos auf irgendeinen Schulhof der Bundesrepublik, schlagen einem permanent Sprüche wie „Ist das schwul!“ oder „Schau dir mal den Schwuchtel an!“ ins Gesicht. So kann eine Matheaufgabe genauso „schwul“ sein wie der neue Look des Banknachbar.
In letzter Zeit setzte sich in der deutschen Jugendsprache der, von den Jugendlichen meist herabwertend gemeinte Begriff „schwul“ immer mehr durch, so dass er mittlerweile nahezu für jegliche Abwertung missbraucht werden kann und so einen gänzlich inflationären Charakter erfährt.
So hat die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft 2007 die Hassfloskel „Schwule Sau“ als häufigste Beschimpfung unter Jugendlichen festgestellt.

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Bibeln für das Volk

Die rote Maobibel hat aber auch was...

Es ist schon ein lustiges Völkchen, diese Christen. Die einen stellen sich vor Krankenhäuser, um abtreibungswilligen Frauen wieder ein wenig Gottesehrfurcht einzubläuen, andere biedern sich mit dem guten alten deutschen Adel an und veröffentlichen geistreiche Bücher mit noch intelligenterem Inhalt.
Doch abseits von medienlüsternen Kardinälen und Bildzeitungsbischöfen gibt es auch noch traditionelle Kirchenmitglieder, die sich dem wahren Auftrag Gottes berufen fühlen und sich dem schnöden Dienst zuwenden, ihre verlorenen Schäfchen wieder heim in den Schoss der Kirche zu geleiten.
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Der Landtag ruft

Wie man an den Wahlplakaten, die zögerlich aus dem Nichts zu entstehen scheinen wie die ersten Frühlingsblüten im März, unschwer erkennen kann, ist es wieder einmal Wahlkampfzeit in Bayern. Anders als manch andere Antifa-Gruppe heißt dass für uns nicht, uns vor NPD-Stände zu stellen und die Passanten darauf hinzuweisen, was sie ohnehin schon wissen, dass die NPD eine Fascho-Partei ist. Anstatt uns auf eine Partei zu konzentrieren, die sich – wohl auch dank der Existenz einer bürgerlichen Alternative – im Freistaat ohnehin nur im Promille-Bereich bewegt, kümmern wir uns lieber darum, was die ganz „normalen“ Parteien so alles an kritikablem Mist verzapfen – und das schließt wohlgemerkt nicht nur die CSU ein, sondern so ziemlich alle Parteien, die zu dieser Wahl antreten. Denn, wer uns kennt, weiß, dass unsere Kritik an der Demokratie, wie sie im Augenblick so ist, grundsätzlicher Art ist.

Allerdings ist es sehr ermüdend, die immergleichen Argumente alle paar Monate erneut auszugraben. Und noch dazu scheint es ja nicht gerade originell zu sein, sich eine gänzlich andere Verlaufsform gesellschaftlicher Entscheidungsfindung zu wünschen. Dass es in der Politik nur um Macht und Korruption geht, erfährt man schließlich noch in jedem zweiten „Tatort“, und der, der sein Kreuzchen nicht beim „kleineren Übel“ macht, muss erst noch gefunden werden. Wer trotzdem noch an seinem Demokratieideal festhält, muss schon ein ziemlich dickes Fell und eine Menge Optimismus aufweisen – schließlich wird seine Erwartung, jetzt käme endlich mal ein richtiger Demokrat an die Macht, der seine Wahlversprechen hält und das Ideal eines vernünftigen Politikers erfüllt, wohl alle vier Jahre bitter enttäuscht werden. Ein solcher armer Tropf wartet wohl auch seit Jahren darauf, dass endlich mal ordentliche Manager die Firmen in die Hand nehmen, denen es nicht nur ums Geld, sondern auch ums Wohl ihrer Beschäftigten und die Moral ginge. Eine höchst bemitleidenswerte Figur, unser Herr Systemidealist!

Und wieso verändert sich trotzdem nicht? Wieso zieht nicht mal jemand eine andere Konsequenz aus der permanenten Desillusionierung, als eine neue Partei zu gründen, die glaubt alles besser machen zu können? Das ist in der Tat ein weites Feld… (mehr…)

Das Grauen ganz nah

Anhand der Region Sachsen-Anhalt und Nordthüringen stellt der Blogger critique aujourd‘hui dar, worauf man nicht oft genug den Finger legen kann: das Vernichtungssystem der Nazis war nicht nur „irgendwo im Osten“, sondern auch mitten in der deutschen Provinz verortet, wo keiner davon gewusst haben will. Die hiesige Region hätte mit Sicherheit genausogut als Beispiel fungieren können, schließlich waren die Außenlager des KZ’s Dachau nahezu überall verteilt – sogar hier in Horgau-Bahnhof, wo man heute Minigolf spielen und Pony reiten kann. Auf wikipedia heißt es dazu sogar: „Mit 169 Außenkommandos war Dachau das am weitesten verzweigte Lager des nationalsozialistischen Regimes.“
Gerade hierauf sollte in der regionalen Gedenkpolitik viel mehr Aufmerksamkeit gelenkt werden, als er derzeit der Fall ist.1 An den Schulen gehört eine Fahrt nach Dachau zwar mittlerweile zum Standardprogramm, aber zu den nationalsozialistischen Aktivitäten vor Ort erfährt man recht wenig – und dieses wenige wird noch dazu oft noch wesentlich mehr verharmlost dargestellt, als dies auf ganz Deutschland bezogen der Fall ist. Klar, wenn die Erinnerungen an das ethische Versagen der Deutschen direkt vor Augen stehen, tut Verdrängung mehr Not, als wenn es sich um abstrakte politische Sachverhalte handelt.
Es ist ja auch nicht so, dass man sich generell wenig um Gedenk- und Geschichtspolitik kümmern würde. Selbst in Horgau gedenkt man bis heute den Gefallenen der Weltkriege und begeht alljährlich den Jahrestag der Horgauer Unabhängigkeit von Zusmarshausen*. Von Augsburg ganz zu Schweigen!

Ein weiteres wichtiges Kapitel in diesem Zusammenhang sind die Todesmärsche gegen Ende des 2. Weltkriegs, bei denen arbeitsfähige Häftlinge auch aus den Lagern in Polen bis in unsere Region verschleppt wurden. Ich selbst lernte einmal einen Überlebenden aus Auschwitz kennen, den es bis nach Regensburg und Passau verschlagen hat. Critique aujourd‘hui will darüber im nächsten Teil seiner Artikelreihe über die regionale Verstrickung des deutschen Kernlands in das Vernichtungssystem berichten. Man darf schon jetzt gespannt sein.

  1. Einen theoretischen und praktischen Beitrag dazu lieferte vor einem halben Jahr die „Alles Gute kommt von oben“-Demo. mehr dazu [zurück]

Ideologiekritiker wissen’s besser

Egal ob man das immer noch sehr empfehlenswerte Aufbaustrategiespiel „Herrscher des Olymp – Zeus“ kennt oder nicht: den Machern ist darin bei der Wirtschaftssimulation ein ziemlich ulkiger Fehler unterlaufen, der mir trotz mehrjähriger Kenntnis des Spiels erst heute aufgefallen ist und einer Erwähnung allemal wert ist.
Zur kurzen Erklärung: in dem Spiel geht es darum, eine antike Polis mit Militär, Häusern, Tempeln, etc. aufzubauen. Um Arbeiter für seine Wirtschaft zu kriegen, muss man erst Wohnsiedlungen errichten, in denen die Leute leben und ihnen zusätzlich einen Lohn zahlen. Die Anzahl der Arbeitskräfte im Verhältnis zur ganzen Bevölkerungszahl lässt sich nun variieren. Man kann also wenn man z.B. 2500 Einwohner hat entweder 1000 oder 1200 von ihnen zur Arbeit bewegen. Das Instrument dazu ist die Lohnhöhe. Erhöht man den Lohn, wächst die Anzahl der relativ zur Gesamtbevölkerung beschäftigten. Soweit so gut, das sind die Rahmenbedingungen die das Spiel vorgibt und die man nicht ändern kann. Man kann sich jedoch trotzdem fragen warum das überhaupt so ist.

Die Überlegung der Macher muss in etwa folgende gewesen sein1: wenn die Löhne steigen wird der Anreiz, zu arbeiten größer und mehr Leute tun’s. Dieser Gedankengang wirkt auf den ersten Blick logisch – es ist ja rational, erst anfangen zu arbeiten, wenn die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung einigermaßen tauglich sind. Vorausgesetzt, die Arbeitslosigkeit wäre ein reines Motivationsproblem, könnte man sie dann ganz einfach beheben, indem man die Löhne ansteigen lässt.
Paradoxerweise sieht es in der Realität allerdings genau andersherum aus: gäbe es eine direkte Planwirtschaft wie in „Herrscher des Olymp – Zeus“ müsste der Staat die Löhne senken und nicht erhöhen, um mehr Leute zum arbeiten zu bewegen. Denn wenn die Löhne hoch sind, muss in einem 5-Personenhaushalt z.B. nur einer arbeiten gehen. Sinken sie aber, müssen, um den Lebensstandard zu halten, irgendwann mehr Personen arbeiten. Die Wirtschaft funktioniert eben in erster Linie mit Zwängen und nicht mehr Anreizen, auch wenn es im Computerspiel anders erscheint.

Aber in der kleinen, feinen Welt von „Herrscher des Olymp – Zeus“ gibt es noch ganz andere Ungereimtheiten. So sind z.B. ab einem gewissen Entwicklunsgrad der Stadt die Steuereinnahmen stets höher als die Ausgaben für die Löhne. Die Bürger zahlen also mehr Steuern, als sie Geld bekommen und sind trotzdem mega zufrieden mit der Stadt. Das ist doch mal „Frag nicht, was der Staat für dich tun kann, sondern was du für den Staat tun kannst“ in Reinstform! Wieso können die Leute in der Realität nicht auch so selbstlos sein!

  1. Von die Spielbalance betreffenden Überlegungen wird an dieser Stelle abgesehen, sondern so getan, als wäre es das primäre Ziel eines Aufbaustrategiespiels, eine glaubwürdige Wirtschaft zu simulieren. [zurück]

Die Post ist da

Im Rahmen der allgemeinen Rekrutierungskampagne der Bundeswehr finden junge Männer derartiges „Info“material in ihrem Briefkasten:

Seite 1
Seite 2

Was gibt es daran nun zu kritisieren?

Nun, eigentlich nichts, denn Werbung zeichnet sich ja generell nicht durch große Ehrlichkeit aus, selbst wenn es sich um solche von einer staatlichen Institution handelt. Immerhin wird sich ja wohl jeder vorstellen können, dass der Alltag in der Bundeswehr etwas weniger idyllisch, als in dem Schreiben beschrieben aussehen wird.
Zudem braucht jeder Staat nunmal eine Armee. Auch wenn man sich darüber streiten kann, wie groß diese sein mag und welchen Aufgaben sie dienen muss, ist es zwingend erforderlich, dass sie zumindest ausreicht, das Staatsgebiet gegen mögliche Angriffe abzusichern – ihre Größe muss sich also an der Größe der Armeen der Nachbarstaaten ausrichten.
Auch wenn das ein wenig überholt klingen mag, da Deutschland ja keinen feindlichen Nachbarstaat hat, ist dies dennoch das Kriterium, dem jede Armee unterliegt. Ansonsten wäre es ja auch ziemlich seltsam, dass ausgerechnet die neutrale Schweiz soviel Wert auf ihr Militär legt – der Witz ist, dass sie sich ja gerade wegen ihrer Neutralität besonders schützen muss. Hätte sie keine, könnten ja theoretisch einfach Deutschland, Frankreich und Italien daherkommen und die ungeschützte Schweiz unter sich aufteilen. Oder sie zumindest zwingen, doch der EU und der NATO beizutreten. In der Tat kam es 1914 und 1939 jeweils zu einer Generalmobilmachung der Schweizer Armee, um zu demonstrieren: ihr könnt gerne Krieg führen, aber macht euch auf was gefasst, wenn ihr gegen uns ziehen wollt.
Im deutschen Grundgesetz finden sich dementsprechend den sehr umfangreichen Artikel 115, die ganz genau regeln, wie das Staatswesen im Verteidigungsfall zu koordinieren ist. Desweiteren gibt es, die Bundeswehr betreffend, u.a. den Artikel 87. In Artikel 87 a, Abschnitt 4 wird auf eine weitere Funktion der Bundeswehr hingewiesen: „Zur Abwehr einer drohenden Gefahr für den Bestand der freiheitlich demokratischen Grundordnung des Bundes oder eines Landes kann die Bundesregierung […] Streitkräfte zur Unterstützung der Polizei und des Bundesgrenzschutzes beim Schutze von zivilen Objekten und bei der Bekämpfung organisierter und militärisch bewaffneter Aufständischer einsetzen.“ Der Staat muss also prinzipiell nicht nur in der Lage sein, sich gegen äußere Bedrohungen, sondern auch, sich gegen sein eigenes Staatsvolk zur Wehr setzen zu können, wenn es ihn abschaffen will. Im Notfall wird da nicht lang gefackelt und auch hierzulande die Panzer aus den Kasernen gelassen. Man sieht: der Staat ist nicht dumm.1

Man muss sich anders herum einmal vorstellen, was mit Deutschland wäre, gäbe es keine Bundeswehr. Der deutsche Staat müsste dann, vorausgesetzt, die Polizei wäre nicht militärisch organisiert, ständig befürchten, irgendein Mob bewaffnet sich und stürmt staatliche Einrichtungen. Und ihre internationalen Interessen könnte die Bundesrepublik auch ziemlich vergessen. Wer nimmt in der Weltpolitik schon ein Land Ernst, das kein eigene Armee hat? Zudem ist die Bundeswehr ein wichtiger Wirtschaftsmotor: sie schafft und erhält direkt und indirekt viele tausende Arbeitsplätze.

Wieso sollte diese supertolle Institution nun nicht Werbung dafür machen dürfen, bei ihr eine Karriere zu beginnen?

  1. Eine Randbemerkung: die Schweizer Armee wurde in ihrer Geschichte bisher dreimal „richtig“ eingesetzt: 1975 und 1918 gegen streikende Arbeiter und 1932 gegen streikende Antifaschisten mit jeweils mehreren Toten. Eine komplette Liste der Aktivitäten der Schweizer Armee findet sich hier.[zurück]

Das Kapital

Wer einen schnellen Überblick darüber haben will, was Marx auf den gut 1000 Seiten des ersten Bands der „Kritik der politischen Ökonomie“ eigentlich alles so an dieser Wissenschaft – der direkten Vorläuferin der heutigen VWL – und an der „warenproduzierenden Gesellschaft“ so alles zu kritisieren hat, dem sei diese Rezension des Buches, die Friedrich Engels 1868 für das „Demokratische Wochenblatt“ verfasste, wärmstens an den Kopf gelegt. Und auch aus historischem Interesse enthält sie einige interessante Punkte.

Wenn man den Ausdruck „Taler“ durch „Euro“ ersetzt und andere historische Spezifika weglässt, wird man schnell feststellen, wie wenig sich in mancher Beziehung seit 140 Jahren geändert hat.

***

Das Kapital

I

Solange es Kapitalisten und Arbeiter in der Welt gibt, ist kein Buch erschienen, welches für die Arbeiter von solcher Wichtigkeit wäre, wie das vorliegende. Das Verhältnis von Kapital und Arbeit, die Angel, um die sich unser ganzes heutiges Gesellschaftssystem dreht, ist hier zum ersten Mal wissenschaftlich entwickelt, und das mit einer Gründlichkeit und Schärfe, wie sie nur einem Deutschen möglich war. Wertvoll wie die Schriften eines Owen, Saint-Simon, Fourier sind und bleiben werden – erst einem Deutschen war es vorbehalten, die Höhe zu erklimmen, von der aus das ganze Gebiet der modernen sozialen Verhältnisse klar und übersichtlich daliegt, wie die niederen Berglandschaften vor dem Zuschauer, der auf der höchsten Kuppe steht. (mehr…)

Die Klassiker des Liberalismus

Die wahre Freude eines ermüdeten Lesers des „Kapitals“ von Karl Marx* sind die Fußnoten. Dort findet sich z.B. im Kapitel „Der sogenannte Arbeitsfond“ folgende Passage zum sympathischen Vordenker des Liberalismus wie der modernen Disziplinargesellschaft, Jeremias Bentham, der vielen aus dem Ethik- bzw. Religionsunterricht bekannt sein dürfte.
Sie ist nicht nur schön polemisch, sondern enthält in der Tat eine recht gute Kritik am Utilitarismus bzw. am bürgerlichen Alltagsdenken allgemein, die einer Zitation wert ist.

Aber dieses Vorurteil ward erst zum Dogma befestigt durch den Urphilister Jeremias Bentham, dies nüchtern pedantische, schwatzlederne Orakel des gemeinen Bürgerverstands des 19. Jahrhunderts. Bentham ist unter den Philosophen, was Martin Tupper unter den Dichtern. Beide waren nur in England fabrizierbar.

Jeremias Bentham ist ein rein englisches Phänomen. Selbst unsern Philosophen Christian Wolff nicht ausgenommen, hat zu keiner Zeit und in keinem Land der hausbackenste Gemeinplatz sich jemals so selbstgefällig breit gemacht. Das Nützlichkeitsprinzip war keine Erfindung Benthams. Er reproduzierte nur geistlos, was Helvetius und andre Philosophen des 18. Jahrhunderts geistreich gesagt hatten. Wenn man z.B. wissen will, was ist einem Hund nützlich?, so muß man die Hundenatur ergründen. Diese Natur selbst ist nicht aus dem „Nützlichkeitsprinzip“ zu konstruieren. Auf den Menschen angewandt, wenn man alle menschliche Tat, Bewegung, Verhältnisse usw. nach dem Nützlichkeitsprinzip beurteilen will, handelt es sich erst um die menschliche Natur im allgemeinen und dann um die in jeder Epoche historisch modifizierte Menschennatur. Bentham macht kein Federlesens. Mit der naivsten Trockenheit unterstellt er den modernen Spießbürger, speziell den englischen Spießbürger, als den Normalmenschen. Was diesem Kauz von Normalmenschen und seiner Welt nützlich, ist an und für sich nützlich. An diesem Maßstab beurteilt er dann Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Z.B. die christliche Religion ist „nützlich“, weil sie dieselben Missetaten religiös verpönt, die der Strafkodex juristisch verdammt. Kunstkritik ist „schädlich“, weil sie ehrbare Leute in ihrem Genuß an Martin Tupper stört usw. Mit solchem Schund hat der brave Mann, dessen Devise: „nulla dies sine linea“ [kein Tag ohne geschriebene Zeile], Berge von Büchern gefüllt. Wenn ich die Courage meines Freundes H. Heine hätte, würde ich Herrn Jeremias ein Genie in der bürgerlichen Dummheit nennen.

Aus: Marx, Karl: Das Kapital Bd. 1; Dietz Verlag; Berlin, 1957; S. 640/Anm. 63.

Zur Demonstration der Intelligenz dieses Mannes sei hier noch ein paar seiner „lineae“ zitiert, die frapide an die geistigen Hochleistungen heutiger Liberaler erinnert:

Hier möchte ich mit einem gefühlvollen, mitleidigen Freund einen Waffenstillstand schließen, wenn ich eine so aufs Geld ausgerichtete Sprache rede. Ich tue es notgedrungen und möchte auch die Menschheit dazu auffordern, es nur notgedrungen zu tun. Das Thermometer ist das Instrument, um draußen die Temperatur zu messen; das Barometer ist das Instrument, um den Luftdruck zu messen. Wer mit der Genauigkeit dieser Instrumente nicht zufrieden ist, muß andere zu finden suchen, oder er muß der Naturwissenschaft Lebewohl sagen. Das Geld ist das Instrument, um die Menge des Schmerzes oder der Lust zu messen. […] Daher sollte niemand erstaunt oder empört sein, wenn er findet, daß ich in dieser Arbeit alles am Geldwert messe[.]

Aus: Bentham, Jeremy (1981, zuerst 1843) : Zur Philosophie der ökonomischen Wissenschaft; in: Gall Lothar/Koch, Rainer (Hrsgb.): Der europäische Liberalismus im 19. Jahrhundert; S. 269
Zitiert nach: Kurz, Robert: Schwarzbuch Kapitalismus; Ullstein Verlag, 2003; S. 88 f.

Kritische Reporter decken auf

So harmlos präsentiert sich die Lustige-Mützen-Garde des Buckingham-Palasts nach außen:

(Gut ist auch dieses Video, das man leider nicht direkt posten kann.)

Doch hinter den Kulissen erklingen ganz andere Töne:

Welche Allegorie auf unser gesellschaftliches Gesamtsystem!

Argumente gegens Feiern

Zur Kritik am Kult der Meister-, der zugleich ein Kult der Herrschaft ist.

Egal, wie das heutige Spiel Deutschland gegen Österreich ausgehen mag: dieses Jahr hat der kollektive Wahnsinn anlässlich eines sportlichen Großereignisses offensichtlich eine neue Qualität erreicht. War es bei der WM 2006 noch so, dass die „Party-Stimmung“ teilweise recht zögerlich anlief, so waren diesmal bereits Wochen vor der EM die ersten Fähnchen zu sehen. Auch die kommerzielle Vermarktung scheint ausgeklügelter zu sein: diverse Märkte bedenken ihre Kunden mit Rabatten, wenn Deutschland ein Tor schießt, und selbst noch auf Zigarettenpackungen glänzt die deutsche Trikolore. Das alltägliche Gespräch ist ebenfalls absolut fußballdominiert: statt übers Wetter redet man, wenn man nichts Besseres weiß, einfach über die letzten Spielergebnisse. Dennoch habe ich zumindest nicht das Gefühl, dass sich der Party-Sommer wirklich wiederholen wird. Wahrscheinlich bemüht man sich einfach zu sehr, ihn zu wiederholen, als dass es funktionieren könnte. Und außerdem ist die „WM 2006“ ohnehin eher ein von interessierten Kreisen kreierter Mythos, der wenig mit der Realität der meisten Menschen zu tun hat. Wie bei einem belanglosen Familienfest, von dem man noch nach Jahren berichtet, obwohl es ein Viertel der Besucher zum Kotzen und ein Drittel langweilig fand.


Die Wut darüber, dass man in der prallen Sonne neben nach Schweiß stinkenden Idioten stehen „muss“, die man nicht zeigen geschweige denn fühlen darf, entlädt sich projektiv am Schiedsrichter.

Das Gefühl, dass die Leute anlässlich der EM, aber auch schon zur WM 2006, permanent mit einem Mythos von ihrem eigenen Verhalten, der dann wiederum in mythischer Form zur Wirklichkeit wird, konfrontiert werden, verwiese zumindest darauf, dass das ganze Spektakel eine ziemliche Inszenierung ist, in der noch jeder, der auch nur im Smalltalk das schlechte Spiel der Deutschen im letzten Spiel erwähnt, seine Rolle spielt. Wenn dem so ist, dann würde die in der Linken übliche Kritik am Nationalismus des fahnenschwenkenden Mobs am Wesenskern der Sache meilenweit vorbeischrammen – denn das ginge es nicht nur darum, dass sich Staatsbürger in entpolitisierter Form für ihren Staat begeistern, sondern vielmehr darum, dass in solchen Trends die Selbstentfremdung* der Menschen, ohne dass sie sich, aus wiederum der Sache selbst immanenten* Gründen, dessen auch nur für einen Moment bewusst würden, zur Perfektion getrieben wird.

Vom Nationalismus der alten Form ist der neue, wenn er denn überhaupt so massenhaft auftritt, wie oft behauptet wird (in Wahrheit haben höchstens 10% der Menschen eine Deutschlandflagge an Fahrzeug oder Haus), schon allein wegen dieser entpolitisierten Form wesentlich unterschieden. Gleichzeitig geht es in ihm bereits auf sprachlicher Ebene, wenn z.B. permanent nicht von „der deutschen“ sondern „unserer“ Mannschaft die Rede ist, durchaus nicht nur um Fußball, sondern in der Tat um die Konstruktion eines Kollektivs, dass mit anderen Kollektiven in Konkurrenz tritt. In diesem ganzen Diskurs wird zwischen einzelnen Individuen und Kollektiven eben überhaupt kein Unterschied gemacht. Nicht die polnische Nationalmannschaft, sondern „die Polen“ stehen auf dem Platz. Indem das vereinzelte Individuum, der Fan „seiner“ Mannschaft, so an dieser virtuell direkt partizipiert, wird gerade dessen Vereinzelung virtuell aufgehoben und sein objektiv dummes Handeln – Geld für Fan-Accessoires, die er nur alle paar Jahre benutzen kann z.B. – eine virtuelle Rationalität und Sinnhaftigkeit verliehen. Dabei kann man ruhig von der WM abstrahieren – eigentlich funktioniert die gesamte Massensportkultur nach diesem ans Mittelalter erinnernden Mystifizierung des individuellen Handelns bzw. eigentlich fußt ein guter Teil des gewöhnlich bürgerlichen Alltagsbewusstsein und –handelns auf derartigen Halluzinationen. Etwa wenn in der „Du bist Deutschland“-Kampange der Einzelne mit einem Schmetterling, der einen Wirbelsturm auslöst, verglichen wird. Um es auf den Punkt zu bringen: jemand, der etwa einbildet, Kontakt mit höheren Mächten zu haben, die zu ihm sprechen und eine Mission verleihen (z.B., jemanden umzubringen), wird in dieser Gesellschaft höchstwahrscheinlich in der Psychiatrie gesteckt und mit Beruhigungsmitteln voll gepumpt. Sich einzubilden, von seinen Anfeuerungsrufen vor dem Fernseher hinge der Erfolg von 11 Fußballern ab, gilt hingegen als normales und gar wünschenswertes Verhalten. (mehr…)

Der ewige Gaukler

Durch die häufige Beschäftigung mit Antisemitismus und Rassismus wird in der Linken oft eine ebenfalls äußerst wirkungsmächtige Spielart projektiver rassistischer Ideologien – gerade auch international betrachtet – der so genannte Antiziganismus, der rassistische Hass gegen als „Zigeneuer“ klassifizierte Personen, etwas vernachlässigt. Dabei zeigen gerade die jüngsten Vorfälle in Italien, wo antiziganistischer Rassismus selbst von den linken Parteien geschürt wird, Russland, Ungarn, Tschechien, Frankreich, Bulgarien und der Türkei, dass das Feindbild „Zigeneuer“ eine hohe Anziehungskraft besitzt. Und auch in Deutschland kennt man die Geschichten von den „asozialen Zigeunern“, die Igel und kleine Kinder essen (oder so ähnlich) nicht nur in Kreisen, in denen das Schimpfwort „Zigeunerjude“ gebräuchlich ist.4 Einen Überblick über die aktuelle Situation der Sinti und Roma (so ihre Eigenbezeichnung – „Zigeuner“ selbst ist ein pejorativer Ausdruck wie „Neger“) in Europa bietet dieser taz-Artikel.
Das interessante ist dabei, dass gerade hier der Konstruktivismus rassistischer Kategorien besonders deutlich zu Tage tritt – denn ein Volk names „Zigeneuer“ gibt es erst, seitdem man diverses „fahrendes Volk“ und andere „asoziale“ Randgruppen darunter subsumiert hat. Nichtmal die NS-Rassenlehre schaffte es, eine Rasse der „Zigeneuner“ „wissenschaftlich“ belegen zu können. Dennoch kamen tausende von ihnen in den Konzentrationslagern ums Leben3. (mehr…)

„Nazi-Angie“ vs. „Populisten-Hugo“ Part III

Anschließend an die bisherigen beiden Artikel unserer Serie „Nazi-Angie“ vs. „Populisten-Hugo“ soll im folgenden (und letzen) das Interview, das die umstrittene deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (54) im Vorfeld des Streits gab, kritisch untersucht werden. Anhand der Äußerungen der wirtschaftsliberal ausgerichteten Rechtspopulistin, die vom ebenfalls umstrittenen venezualinischem Präsidenten Hugo Chavez (541) in die politische Nähe des deutschen Diktator-Nazis Adolf Hitler (1889-1945) gerückt wurde, soll eine allgemein Kritik an der wirtschaftsliberalen Fortschrittsideologie geübt werden.

Die Überschrift „Merkel will Amerika unterstützen“ ist, wie man später sehen wird, schon einmal höchst fragwürdig. Journalismus scheint für gewisse Leute anscheinend zu heißen, die Propaganda der Politiker nicht nur unhinterfragt wiederzugeben, sondern sogar noch durch zuvorkommendes Engagement zu toppen.

„Brasilien und Mexiko haben bereits neue Ansätze in der Sozialpolitik eingeführt.“

Seltsamerweise gibt es jedoch auch gegenteilige Äußerungen. So etwa in dieser Sammlung von Berichten über Brasilien aus den letzten Jahren. Dort heißt es z.B.:

Angesichts der von Lula und seiner Arbeiterpartei verfolgten Politik wird deutlich, daß sich in einem Großteil der deutschsprachigen Medien, aber auch in einem beträchtlichen Teil der gewöhnlich als links, progressiv und drittweltbewegt bezeichneten Szene Europas bereits lange vor Lulas Amtsantritt offenbar die Kriterien dafür verschoben haben, was und wer in der Welt just als „links“ bzw. „progressiv“ gelten können. So wird beispielsweise Lula trotz seiner nie widerrufenen Bewunderung für Hitler [sic!] kurioserweise als Linker eingestuft, obwohl er selbst klarstellte:“Mein ganzes Leben lang mochte ich überhaupt nicht, als Linker, Linksgerichteter klassifiziert zu werden.“ Zahlreiche brasilianische Politikexperten, aber auch Weggefährten haben immer wieder betont, daß Lula nie der Linken angehörte. Spätestens seit den neunziger Jahren ist bestens bekannt, daß Lula und die Spitze seiner Arbeiterpartei keineswegs einen links-progressiven Kurs verfolgten. Trotz der seit dem Amtsantritt verfolgten Politik in Bezug auf Bankiers und andere Unternehmer, auf Slumbewohner, auf Rechtsparteien und Diktaturaktivisten, auf Menschenrechte oder Umwelt-und Naturschutz betriebenen Politik werden Lula, seine Regierung und die Arbeiterpartei weiterhin als links und fortschrittlich klassifiziert. Brasiliens katholische Kirche legte interessanterweise lange vor Lulas Amtsantritt deutlich andere Maßstäbe an.

Quelle

Ein paar Absätze weiter verrät Merkel aber wesentlich profanere Gründe für ihre Sympathien als politische Streitfragen: „Mit Brasilien und Mexiko besuche ich die wichtigsten Handelspartner Deutschlands in Lateinamerika.“ (mehr…)

„Nazi-Angie“ vs. „Populisten-Hugo“ Part II

Dies ist der zweite Teil der Artikelserie über den Konflikt zwischen Venezuela und Deutschland im Vorfeld des Lateinamerika-EU-Gipfels in Lima. Auf möglichst abstrakter Ebene wird die machtpolitische Konstellation untersucht, die hinter diesem Konflikt steht.

Doch „der Linkspopulist“ Chavez ist bekanntlich nicht erst seit seinen „umstrittenen“ Äußerungen „umstritten“. Die deutsche Presse, zumindest die politisch eher rechts bis liberal stehende, hat ihn schon seit langem im Visier der „Kritik“. Dahinter steckt freilich Chavez Außen- und Wirtschaftspolitik, die darauf ausgerichtet ist, eine Allianz linker südamerikanischer Staaten aufzubauen, die untereinander kooperieren, um sich wirtschaftlich wie politisch möglichst unabhängig vom „Westen“ (den USA und der EU) zu machen. Die wiederum haben ein Interesse daran, möglichst viele Freihandelsabkommen abzuschließen, damit sie billig an Rohstoffe kommen und Fertigprodukte leichter absetzen können. Entgegen der Freihandelstheorie profitiert bei solchen Freihandelsabkommen nämlich primär derjenige, der die Fertigprodukte verkauft: die bringen nämlich die großen Profite ein, während mit dem Verkauf von Rohstoffen eher bescheidene erzielt werden. Man stelle sich z.B. zwei Staaten vor: einer verkauft nur Weizen, der andere hingegen alle möglichen Fertigprodukte. Um überhaupt Weizen effektiv abbauen zu können, müssen die Bauern des einen Staates schon Traktoren, Düngemittel etc. aus dem Industriestaat kaufen. Und wieviel Gewinne sie mit ihrem Weizen machen können, wird ebenso vollständig von der zahlungskräftigen Nachfrage des Industriestaats abhängen. Um sich von der Abhängigkeit vom Industriestaat zu befreien, müsste der Agrarstaat selbst erst einmal Traktoren, Düngemittel etc. herstellen können. Dafür braucht er aber erstmal Kapital. Dies könnte z.B. vom Staat kommen. Und damit die eigenen Unternehmen gegen die wesentlich weiter entwickelte Konkurrenz aus dem Industriestaat überhaupt standhalten kann, ist es für den Agrarstaat klug, Schutzzölle zu erheben, damit die ausländischen Waren teurer werden und sich die eigenen auf dem Binnenmarkt besser verkaufen.Genau so versuchen Staaten wie Venezuela oder Bolivien vorzugehen. (mehr…)

„Nazi-Angie“ vs. „Populisten-Hugo“ Part I

Eine dreiteilige Artikelserie auf diesem Blog wird in den nächsten Tagen die Auseinandersetzung zwischen Hugo Chavez und Angela Merkel respektive nationaler Entwicklungspolitik und Freihandel zum Inhalt haben. Der folgende erste Teil der Serie gibt einen ersten Überblick.

„Übrigens, wenn wir von Deutschland sprechen: die deutsche Kanzlerin, die der deutschen Rechten angehört, der selben Rechten, die Hitler unterstützt hat, den Faschismus, das ist die Kanzlerin von Deutschland heute.“1
Diese Äußerung des venezuelanischen Präsidenten Hugo Chavez hat in den letzten Tagen in den deutschen Medien für ziemliche Irritationen gesorgt. Während es sich deutsche Politiker nicht nehmen lassen, bei Gelegenheit George W. Bush, dem jeweiligen politischen Gegner oder missliebige Präsidenten fremder Staaten (Milosevic, Ahmadinedschad und Co.) „eine politische Nähe zu Nazi-Diktator Adolf Hitler zu bescheinigen“2, ist es beinahe das schlimmste, was man als Nicht-Deutscher tun kann, Deutschland selbst auf offensive Weise mit seiner Vergangenheit zu konfrontieren. Solche antideutschen „Populisten“ kommen zwar noch lange nicht an während der Schwangerschaft rauchende Prominente heran, der Ton der maßgeblichen Zeitungen zeigt aber schon an, dass man sich mit solchem Gerede keine Freunde in Deutschland macht. (mehr…)




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