Das Spektakel der WM

Wiedermal scheinen wir alle mit dem WM-Fieber infiziert zu sein, denn König Fußball ist wieder Herr im Lande. Am 11.6. beginnt in Südafrika die erste Fussballweltmeisterschaft der Männer auf dem afrikanischem Kontinent. Selbstverständlich ist auch das nationale Team dieses Landes mit dabei und strotzt vor Selbstbewusstsein.
Ein eigentlich sehr interessanter Aspekt an diesem Sommerereignis ist, zu sehen, welche gesellschaftlichen Lager, von ihm so ergriffen werden. Diese Lager reichen von den grölenden Fussballfans aus den Fankurven deutscher Stadien bis hin zu den intellektuellen Vertretern des Bildungsbürgertums bzw. der deutschen Intelligenzia , welcher selber erkennt, dass ihre Begeisterung für diesen Sport eher infantiler Natur ist als rationelles Verhalten eines erwachsenen Individuums. Die Euphorie bringt diese Schicht wohl selber zum Schmunzeln. Doch sogar das linksradikale, tendenziell deutschlandfeindliche Lager partizipiert an dem Spektakel, obwohl es ihm weniger um das Anfeuern einer teilnehmenden Truppe dabei geht. Es analysiert die Weltmeisterschaft der Herren allgemein als ein Moment, welcher nationalistisches und sexistisches Gedankengut in negativster Weise produziert und schließlich zu Ausbrüchen rechtsextremer Gewalt führen kann, wie die Gruppe „Autonome Antifa Weilheim“1 mit der „Deutschland? Platzverweis!“-Kampagne2.
Inwieweit jene Analysen über das alle vier Jahre wiederkehrende Massenspektakel überhaupt zutreffend sind, wird im folgenden Text betrachtet werden. Dass Rechteextremismus ein Problem des Fussballs ist, hat der DFB bereits erkannt, weswegen sich viele Vereine von ihrer rechtsgerichteten Anhängerschaft politisch und öffentlich distanziert haben. Ähnlich wie bei den Hooligans, „wolle man mit diesen Chaoten nichts zu tun haben“, daher verhängen Fussballvereine Stadionverboten gegen Rechtsextreme, selbst wenn die Führung des jeweiligen Vereins innerlich mit den platten Parolen sympathisieren würde, wäre der ökonomisch Druck auf den Verein zu hoch. Clubs wie Hansa Rostock haben bundesweit ein schlechtes Image aufgrund ihrer zweifelhaften Anhängerschaft erworben.3
Rechtsextreme Fans werden wahrscheinlich auch während der Weltmeisterschaft in der Öffentlichkeit auftreten und sich unter das „Partyvolk“ mischen sowohl in der städtischen Fanmeile als auch der Premiere – Sportbar von nebenan, bei Orten des „public viewing“ eben. Immerhin spielt ihre Nation, in dem Fall die deutsche, bei dem gewaltigen Tunier mit. Wobei es natürlich zwei Problematiken gibt, welche a) nicht alle Spieler der Nationalmannschaft sind Deutsche, nach rechtradikalen Verständniss, einige sind sogar schwarz (zumindest in früheren Teamkonstellationen)4 und b) die Fussballnationalmannschaften repräsentieren nur einen Teil des deutschen Volkes. Zwar mag der zweite Einwand lächerlich erscheinen, er wurde aber auf Blogs der rechten Szene durchaus thematisiert. Tauchen Neonazis, welche in aggressiver Stimmung sind in der Fanmeile auf, dann bedeutet dies Ärger für die „Feinde“ dieser. Ein Zusammenstoß von Rechtsradikalen mit sogenannten „Ausländern“ kann jedoch auch im normalen Alltag zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führen, hierfür bedarf es keinen besonderen Anlass.
Es könnte eingewendet werden, dass es in der Vergangenheit im Rahmen von solchen Spektakeln zu Gewaltausbrüchen gegen Dönerbuden und Pizzarien kam, und zwar zu solchen bei dennen auch „normalen“ BürgerInnen ihren innersten Gefühlen freien Raum liesen. Solche Momente des rassistischen Hasses kamen aber ebenso grundlos zu Stande, denn rassistisches Gedankengut schlummert immer noch in der Mehrzahl der Bevölkerung. Der Hass auf Angehörige eines angeblich ganz anderen Kollektivs, eines gänzlich differenten Kulturkreises leitet sich aus der Ideologie des Nationalismus selber ab. Nationalismus wird auch verharmlosend oft als Patriotismus relativiert, wobei die Begriffe keine eindeutige Trennung implizieren. Die Dimensionen von Menschen, die nationalistisch sind, wird uns erst in besonderen Augenblicken bewusst, in denen „Deutscher auf sein Land mal wieder stolz darf“ und dieses Bekenntnis nicht gesellschaftlich sanktioniert wird. (Fast) niemand regt sich auf, wenn der Nachbar während des „Ausnahmezustands“, welcher gleichzeitig zur Herrenweltmeisterschaft in Deutschland stattfindet, in dem Vorgarten seines Einfamilienhauses eine Fahne hängen hat. Zwar irritiert dieses Verhalten anfangs durchreisende Touristen. Nach einer Erklärung der Situation zeigen auch diese Verständnis für die allgemeine Huldigung der Nation, welche auch in anderen kapitalistischen Nationalstaaten selbstverständlich ist. Inwieweit deutscher Nationalismus eine andere Qualität hat, ist eine Debatte, welche die linke Szene spaltet. Sie soll aber hier nicht erörtert werden.
Der patriotische Mitbürger fühlt sich unbeobachtet in der Situation von „Außnahmezuständen“ und lässt seinem persönlichen patriotischem Wahnsinn freien Lauf. Dass diese „Ausnahmezustände“ immer mehr mit „Normalzustand“ verwischen ist jedoch schwer zu verleugnen. Die schwarz – rot – goldenen Fahnen blieben nach dem Sommermärchen von 2006 oft noch in den bereits erwähnten Vorgarten oder an Deutschlands Plattenbaubalkonen hängen – bis heute (!). Diese Entwicklung hängt aber nicht zwingend mit dem nationalen Großereignis von vor mittlerweile vier Jahren zusammen, es ist ein Trend, der sich seit 1990 permanent vollzogen hat. „Der Deutsche“ ist wieder stolz auf seine Nation oder Heimat. Dieses neue Lebensgefühl wird naturgemäß auch von der Kulturindustrie bedient. Ein sehr amüsantes Beispiel dafür ist der Partyknaller von „Big Brother- Jürgen“ bzw. mit bürgerlichem Name Jürgen Milski „Deutschland ist der geilste Club der Welt“ von 2008, wer Interesse an einem Einblick in die Köpfe des durchschnittlichen „Jürgen“-Fans hat, sei ein Blick in die YouTube Kommentare sehr empfohlen, welche wie sooft sehr aufschlussreich ausfallen, wenn man das Wesen des Durchschnittsbürgers analysieren will.

Natürlich ist nicht ausgeschlossen, dass solche Inhalte, völlig egal wie dumm sie auch sein mögen – ich vermute sogar die meisten „BB Jürgen“ – AnhängerInnen wissen wie platt die Texte sind – konsumieren sie gerade wegen ihre Einfachheit, Menschen in einem nationalistischen Weltbild bestärken mögen. Ob jedoch jemand durch solche ein Liedgut ein glühender Verteidiger seiner Heimat wird, er scheint mir mehr als fraglich. Ich denke hier ist so ähnlich, wie mit der Konzeptionen des epischen Theaters von Brecht oder Satre. Ihre Werke machten keinen Zuschauer zum Kommunisten, der sich nicht schon zuvor mit den Schrecken des Kapitalismus auseinandergesetzt hatte. Die „künstlerischen“ Produkte der prodeutschen Kultur erleuchten auch niemanden für die deutsche Sache, der davor dagegen immun war. Trotz des deutschnationlen Konsumterrors, welcher von den Fähnchen an der Tankstelle bishin zu Paninisammelbildchen in jedem Kasten Coca Cola reicht, prallt an den Kritikern oder Skeptikern des Staates die Stimmung ab wie Pfeile an den dicken Steinmauern Babylons.
Auch werden negative Klichees zwischen den konkurrierenden Nationen in der Fanmeile aufgefrischt, bestes Beispiel ist wahrscheinlich die legendäre Fanfeindschaft zwischen England und Deutschland. Diese hat ihren Ursprung eben nicht im Wembleystadion anno 1966, sondern in der Geschichte des 20.Jahrhunderts, vielleicht sogar schon früher. Südamerikanische Mannschaften gegen welche die deutsche Truppe ständig den Kürzeren ziehen, werden selten Opfer eines Volkszorns. Hier geht um meine empirischen Eindrücke selbstverständlich. Der ästhetische Ballzauber der Teams aus Brasilien oder Argentinien wird sogar bewundert, auch wenn der Terminus der Ästhetik in diesem Zusammenhang eher fragwürdig sei.
Ähnlich verhält es sich mit dem Sexismus oder der Homophobie unter den Fans, wer in seinem Weltbild Frauen missachtet oder Homosexuelle legt diese Einstellung nicht beim Besuch des Stadions ab und zieht sie danach wieder an, wie den weiße Trikot der Nationalmannschaft, er trägt sie in „seinen“ Fanblock weiter. Das Männerfussball maskulin ist, liegt auch in der Natur der Sache. An dem strikt heterosexuellen Wesen, welches niemand leugnen kann und diesem Ballsport durchaus innewohnt, wird momentan gearbeitet. Die zunehmenden Akzeptanz von Homosexualität in der westlichen Gesellschaft, greift auch im Sport. Den Sport ist auch Kultur geworden und „Kultur ist die Reaktion einer Gesellschaft auf ihre Epoche“8, gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln sich im Sport wieder. 5
Vielleicht fällt auch eines Tages im Vereinsfussball die Geschlechtertrennung weg und es entstehen unisex – Mannschaften, aber bis zu diesem Stadium der zivilisatorischen Entwicklung ist es noch ein sehr weiter Weg für die fortschrittlichen Kräfte. Natürlich findet eine Veränderung der gesellschaftlichen Positionen nicht von alleine statt, weshalb Aktionen gegen negative Gedankengüter durchaus wichtig sind, und damit nicht Gegenstand der Kritik sind. Kritisiert wird eine Herleitung dieser Phänomene aus einem kulturellen Massenspektakel selber, aber nicht aus der kapitalistischen Gesellschaft.
Viel kritischer als die konstruierten Problematiken des Fussballs ist der Charakter des ganzen Spektakels6. Auch durch die Weltmeisterschaft wird der Kapitalismus und der Verwertungsprozess in die Wohnzimmer oder Fanmeilen getragen. Hinter dem Fussball steckt an sich kein besonderer Zauber, der gesamte Sport an sich ist „profan“.7 Erst durch den Einfluss der Kulturindustrie wird Fussball etwas Mystisches, etwas Unfassbares. Fussballer werden zu Superstars gemacht, sie werden zu nationalen Volkshelden, denn der Fussball ist kommerzialisiert. Eine Wahrheit die wohl jedem mittlerweile bewusst sein dürfte und somit keine große Erkenntnis darstellt. „Das ist doch alles nur Kommerz! Der Fussball hat seine Seele verscherbelt!“, sind gängige Floskeln der Fangemeinden.
Die Entwicklung einer Kulturindustrie setze mit der Auflösung des klassischen Proletariats richtig ein. Das Ende der ProletarierInnen, die am Rand der Verelendung standen, war eine Reaktion auf dem Arbeitskampf um höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten und bessere Arbeitsbedingungen generell. Die neu gewonnene „Freizeit“, sowie der neue relative Reichtum eröffneten einen Industriezweig, da ArbeiterInnen sich nun einen Theaterbesuch oder eben den Eintritt für Sportstadion leisten konnten. Diese ganze kapitalistische Kultur ist natürlich zu kritisieren. In ihr schlummert kein revolutionäres Potenzial, denn sie ist dem System gegenüber positiv eingestellt und orientiert sich an den Positionen der Bevölkerung. Sie betreibt also unbewusst Systempropanganda. Die alltäglichen Sorgen verschwinden aus dem Bewusstsein, denn nur noch das Spektakel ist real. Selbst die Probleme des südafrikanischen Staates, welches durchaus thematisiert werden könnten in diesem besonderen Kontext, wie AIDS, Alltagsrassismus und Massenarmut in den ärmlichen und kaputten Townships vermischen sich mit dem Glanz der Weltmeisterschaft in Südafrika und gehen in ihr unter. So ist unter anderem zu erklären, warum der neue Wohlstand eben keinen grundlegenden Systemwechsel hervorbrachte.
Fussball ist also nicht systemkritisch, sondern positiv und passt sich dem Bewusstsein der Massen an. Das Problem dieses „Massenphänomens“, wenn es überhaupt einen phänomenalen Charakter gibt, ist das Problem des gesellschaftlichen Zustands.
Kultur träg deshalb gesellschaftliche Positionen weiter, weil sie der Gesellschaftsform entspringt in ihrem Wesen, in unserem Fall dem Kapitalismus. Sie sollte im Mittelpunkt der Kritik stehen.
Für die Weltmeisterschaft 2010 bleibt für uns nur noch zu hoffen, dass Nordkorea Weltmeister wird und seine Hymnen in den Fanmeilen erklingt. Hier ist ihre deutsche Übersetzung9:

1. Lass die Morgensonne über das Gold und Silber dieses Landes scheinen,
Dreitausend Meilen* gepackt mit langer Geschichte.
Mein wunderschönes Vaterland.
Das Verdienst eines klugen Volkes
brachte eine großartige Kultur hervor.
Lasst uns mit Körper und Geist hingeben,
Um dieses Korea für ewig zu unterstützen.

2. Die Unternehmung wird, gebunden an die Wahrheit,
Ein Nest für den Arbeitsgeist sein,
der die Stimmung des Paektusan umfasst,
und in alle Welt hinausgeht.
Das Land wurde mit dem Willen der Menschen gegründet,
Um mit sich erhebender Kraft gegen die Wellen anzukämpfen.
Lasst uns ewig dieses Korea preisen,
unbegrenzt reich und stark.

  1. http://aawm.blogsport.de/ [zurück]
  2. zur Webpräsenz dieser Kampagne [zurück]
  3. Dieser Beitrag von Extra zeigt auch warum dem so ist. http://www.youtube.com/watch?v=XQNkpXSSks8[zurück]
  4. Man erinnere sich hierbei an den Fall des deutschen Nationalspielers Patrick Owomoyela und des NPD WM Planers, welcher den Spieler diskriminierte. [zurück]
  5. Eine sehenswerte Debatte wurde sich vor einigen Wochen auch bei der Sendung „Hart aber fair“ geliefert. Hier zu sehen.[zurück]
  6. In diesem Beitrag versuche ich ein bisschen meine Eindrücke von meiner kürzlichen Lektüre der situanistischen Theorie einfliessen zu lassen. Eine Beschäftigung mit dieser linken Strömun, welche die französischer 68er Bewegung beeinflusste, kann ich an dieser Stelle jedem dringlich empfehlen. [zurück]
  7. Das Adjektiv „profan“ habe ich bewusst von dem Feuerbach Zitat entnommen, welches am Anfang von „Gesellschaft des Spektakels“ von Guy Debord steht. „Aber freilich … dieses Zeit, welche dem Bild der Sache, die Kopie dem Orginal, die Vorstellung der Wirklichkeit, den Schein dem Wesen vorzieht…; denn heilig ist ihr nur die Illusion, profan aber die Wahrheit. Ja die Heiligkeit steigt in ihren Augen, in demselben Maße, als die Wahrheit ab- und die Illusion zunimmt, so daß der höchste Grad der Illusion für sie auch der höchste Grad der Heiligkeit ist.“ Feuerbach, „Das Wesen der Christentum“, 2.Auflage [zurück]
  8. vgl. „Rapport über die Konstruktion von Situationen und die Organisations – und Aktionsbedingungen der internationalen situanistischen Tendenz“; „wir bezeichnen mit diesem Wort [Kulur, Anm.Verfasser] ein aus der Ästhetik, den Gefühlen und Lebendsweisen zusammengesetzten Gesamtheit die Reaktion einer Epoche auf das alltägliche Leben.“ [zurück]
  9. Quelle ist hierbei Wikipedia. Unter dieser Adresse kann man sich das Lied auch als Mp3 herunterladen. [zurück]




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