Die konfliktfreie Gesellschaft?

„Wir sind Opel“ – So war es auf unzähligen Transparenten und selbst bedruckten T-Shirts zu sehen, die durch ihr schrilles Opel-Gelb selbst im Gewirr der aufgebrachten Menge ein loh-nendes Ziel für die Fernsehkameras boten. Was an einen Marketinggag der neuesten Sorte oder an einen Flashmob unzufriedener Aktionäre, die auf ihre Dividenden warten, erinnerte, spielte sich ganz im Gegenteil am komplett anderen Ende der sozialen Skala ab.
Ende 2009 taten hunderte Mitarbeiter der Opel-Belegschaft ihren Ärger über die bevorste-hende Insolvenz des Werkes in Rüsselsheim kund und postulierten eine staatliche Interventi-on, um den angeschlagenen Autokonzern zu retten. Dabei solidarisierten sich Arbeiter und Gewerkschaften mit ihrem Arbeitgeber, um den Fortbestand der Marke Opel zu sichern. Des-sen Ende und der Untergang des Unternehmens, sowie der Verlust wichtiger Marktanteile schwebten dem Opel-Aufsichtsrat und Frankfurter IG-Metall-Bezirksleiter, Armin Schild, vor Auge, als er für die „Sicherung überlebenswichtiger Industriekerne“ seitens des deutschen Staates eintrat.
Es mutet zuweilen rührend an, wenn sich ein ausgewiesener Vertreter der Arbeitnehmer-schaft um die Belange von Staat und Industrie sorgt und dabei seine ihm per definitionem zugewiesene Aufgabe, die„Interessen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“ zu vertre-ten, unter den Tisch fällt. In einer Zeit von Sozialpartnerschaft und „unternehmerverträglichen Tarifabschlüssen“ bleibt die Kuriosität solcher Aussagen im Verborgenen, Anbiederungen der Gewerkschaftsfunktionäre an die Führungsgremien ihrer tarifpolitischen Gegenspieler sind an der Tagesordnung. Als das Land mit der größten Gewerkschaft der Welt wirkt es durchaus befremdlich, dass der letzte erfolgreich durchgeführte Generalstreik schon einige Jahre zu-rückliegt, während in Frankreich nahezu das komplette öffentliche und wirtschaftliche Leben aus den Bahnen geworfen wird, wenn sich Angestellte und Arbeiterschaft in ihren Rechten beschnitten sehen. Die Reallohnentwicklung der letzten zehn Jahre spricht übrigens für letz-tere Auffassung von Interessenvertretung.
Herbert Marcuse, Soziologe und Philosoph aus dem Kreis der sozial- und gesellschaftskri-tischen Frankfurter Schule, bringt die Entwicklung der neoliberalen Gesellschaftsauffassung in seiner 1970 erschienenen Schrift Der eindimensionale Mensch auf den Punkt: „In der ge-genwärtigen Lage herrschen die negativen Züge der Automation vor: Antreiberei, technologi-sche Arbeitslosigkeit, Stärkung der Position der Betriebsführung, zunehmende Ohnmacht und Resignation auf seiten der Arbeiter.“ Obwohl in Zeiten des Ost-West-Konfliktes geschrieben, bewies Marcuse ein ungeheures Gespür für die neue Spielart des Spätkapitalismus, der in sei-ner unaufhaltsamen Verdrängung des Menschen zugunsten der Maschine, der Auflösung von herkömmlichen Gesellschaftsmuster und der Verdichtung einzelner Unternehmen zu weltum-spannenden Konzernen eine radikal neue Bewertung der gesellschaftlichen Situation erfor-dert. Marcuse lieferte sie. Seine wissenschaftlichen Analysen haben ihre Gültigkeit auch in der heutiger Zeit bewahrt, wenn er z.B. den Arbeitern in einem „technisch fortgeschrittenen Betrieb“, also der postindustriellen Kreativwirtschaft von heute, „ein ernsthaftes Interesse am Betrieb“ attestiert – Opel lässt grüßen.
Teilt man nun die Annahme der fortwährenden Aktualität des Eindimensionalen Men-schen, so lohnt es sich, dessen Inhalt etwas genauer zu betrachten. Herbert Marcuse formuliert in seinem Hauptwerk eine fundamentale Kritik an den politischen Systemen seiner Zeit, der modernen Industriegesellschaft nach westlichem Model und dem Staatssozialismus des Ost-blocks. In beiden Gesellschaftsformen sieht er totalitäre Strukturen vorliegen, die das Indivi-duum entmündigen und es dem autoritären Willen der jeweiligen Staatsmacht unterordnen. Die kapitalistische Gesellschaft unterzieht er einer radikalen Kritik, da er sie „als Ganzes irra-tional“ einschätzt. Zwar ermögliche sie ein in der Geschichte der Menschheit nie gekanntes Ausmaß an Produktivität – also der Fähigkeit, Gebrauchsgegenstände in Hülle und Fülle zu produzieren. Jedoch verhindere die Logik der kapitalistischen Warenproduktion, die aus-schließlich die Anhäufung von noch mehr Kapital zum Ziel hat, eine Gesellschaft, in der die Herstellung von Sachen zum Nutzen der Menschen an sich geschieht. Genau das bezeichnet Marcuse als irrational.
Die Tatsache, dass durch moderne Produktionsweisen und der Rationalisierung des Her-stellungsprozesses eine ungeheure Kapazität von Waren vorliegt, verursache auch eine voll-kommene Durchdring der Privatsphäre der Individuen mit der kapitalistischen Tausch- und Warenlogik. Der Bürger werde also zum reinen Konsumenten und verliere durch den Ein-fluss, den seine Umwelt durch die gigantischen Verlockungen ihrer Waren auf ihn ausübt, seine Fähigkeit zur Kritik. Das wirtschaftliche Denken sei Teil der Gesellschaft geworden und damit die „Reichweite der gesellschaftlichen Herrschaft über das Individuum größer als je zuvor.“ Weiter argumentiert Marcuse, dass dieses „durchökonomisierte“ Gesellschaftssystem ein „System von Herrschaft und Gleichschaltung“ sei, da es jene Kräfte, die es hinterfragen und anzweifeln, als irrationale, weltfremde Spinner diffamieren und sich dabei auf die Ratio-nalität der kapitalistischen Logik berufen kann. Wer käme auch darauf, die Errungenschaften der Marktwirtschaft zu leugnen und eine andere, darüber hinaus gehende Gesellschaft zu for-dern?
„Die Unterbindung sozialen Wandels ist vielleicht die hervorstechendste Leistung der fortgeschrittenen Industriegesellschaft“, so Marcuse. Doch nicht nur die totalitären Züge von Herrschaft, die in den westlich-demokratischen Gesellschaften jeden Versuch der Kritik für absurd erklären, auch die Gesellschaft als solche tendiere zu einem totalitären Gebilde. Durch das Zusammenballen einzelner Wirtschaftsakteure, wie es das klassische bürgerliche Unter-nehmen einmal war, verschwinde das Besitzbürgertum als herrschende Klasse. An seiner statt treten monopolartige, multinationale Konzerne, in denen das technokratische Konzernmana-gement mit den Gewerkschaftsorganisationen verflochten ist. Ein Blick auf die Wirtschaft von heute zeugt von dem Wahrheitsgehalt seiner Aussage.
So wie die in guter, alter Zeit Bourgeoisie getaufte Schicht, so müsse auch das so genannte Proletariat eine grundlegende Veränderung in seiner Sache anerkennen. Die beiden Begriffe erscheinen nicht zu Unrecht als anachronistisch, da sich eben auch der Status der Arbeiter-schaft im Vergleich zu ihrer historischen Tradition grundlegend wandelte. War die frühere Arbeiterklasse einmal Träger einer umfassenden Kritik am bestehenden System, so sei diese heutzutage als politischer Faktur so gut wie verschwunden. Nicht nur der steigende Lebens-standart für eine Mehrheit der westlichen Industrienationen und die veränderte Arbeitsorgani-sation und -teilung sind für diesen Prozess verantwortlich. Auch das Bewusstsein des Arbei-ternehmers, der sich vormals als Negativbild zur herrschenden Gesellschaftsschicht wahrge-nommen hatte, ist zu einer „unmittelbaren Identifikation … mit seiner Gesellschaft und da-durch mit einer Gesellschaft als einem Ganzen“ geworden. Soziale Unterschiede seien somit ideologisch wie materiell, jedenfalls zu einem gewissen Teil, aufgehoben und damit entbehre Kritik an den bestehenden Verhältnissen jeglicher Grundlage.
Alle gesellschaftlichen Gruppen tendieren nach Marcuse letztendlich dazu, die Befriedi-gungen zu akzeptieren, die durch eine entfremdete, ziellose und andere Weltgegenden ver-wüstende Produktivität möglich geworden sind. „So entsteht ein Muster eindimensionalen Denkens und Verhaltens“, das nichts anderes mehr kennt, als das Bestehende zu bestätigen und zu reproduzieren, und jeden Gedanken an eine Welt, die über sie hinausweist, zu verurtei-len. Die früher konflikthafte Gesellschaft wird dadurch zum eindimensionalen System ohne Opposition, in der sich die Interessen von eigentlich gegensätzlichen Subjekten scheinbar überschneiden und die gegenwärtige Welt als die best Mögliche angepriesen wird.
Herbert Marcuse sagt in seinem Vorwort über seine dem Werk zugrundeliegende Intention, „dass das menschliche Leben lebenswert ist oder vielmehr lebenswert gemacht werden kann oder sollte.“ Ob das mit gelben Opel-Mützen gelingen kann, daran darf zumindest gezweifelt werden.





Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: