Kommentar zur morgigen Jugendversammlung


Es ist zugegebenermaßen sehr lange her, dass sich die Antifa Horgau zu kommunalpolitischen Themen in der Öffentlichkeit äußerte und ihren fälligen Beitrag zur lokalpolitischen Debatte leistete. Regelmässige BesucherInnen aus der Fremde könnten fast meinen in der bayrischen Provinz sei nichts passiert. Eine interessante, leicht verführerische Einladung des 1.Bürgermeisters der Gemeinde Thomas Hafner brachte uns nun dazu auf das Geschehen im kleinen Dorf an der B10, dem bürgerlichen Staat im Kleinen einzugehen und das Schlachtfeld der globalen Politik wieder zu verlassen.
Es handelte bei dem Dokument, welches wahrscheinlich alle „jungen Menschen“ zwischen 15 und 25 Jahren per Post erhielten, um eine Einladung alle „jungen Erwachsenen“ und „lieben Jugendlichen“1 zur „Jugendversammlung“ im Zusammenhang mit der großen Dorferneuerung, dem neusten Clou der Horgauer Lokalpolitik, über die immer wieder im Horgauer Gemeindeblatt akribisch mit Stolz berichtet wird. Die Dorferneuerung ist ein Förderprojekt des Amtes für ländliche Entwicklung. Die Grundidee ist, dass die BürgerInnen Fördergelder erhalten mit dem ihre Heimatdorf allgemein verbessert werden kann, dafür können von den Horgauer BürgerInnen selber Anträge einbringen können, „die von der Anlage eines Blu­men­beetes am Ortseingang bis zur Neugestaltung unserer Ortsstraßen“ 2gehen. Man soll wieder merken, dass die Politik einem mit den Steuergeldern ganz direkt etwas gutes tut und nicht nur entweder in Abstrakta wie die Wirtschaft, oder Technologie oder an die Notleidenden (Schmarotzer) fliesst.
„Der kleine Mann“ ist gefragt und kann endlich mitmischen, gelebte Demokratie, denn das Volk entscheidet autonom über die finanziellen Mittel ohne die großen HerrscherInnen in Berlin. Es ist ein alter Traum linker DemokratInnen, dass sich die Menschen bzw. Proletarierklasse im dem Fall natürlich eher die Bauern autonom organisieren. Auch wir gaben bereits im Lokalwahlkampf 2008 als Slogan aus „Arbeiter- statt Gemeinderäte, für ein rotes Rothtal!“. Dies ist natürlich utopisch, da die meisten BürgerInnen Horgaus nicht merh in die lokale Produktion involviert sind, sondern ihre Arbeit in der Stadt (Augsburg) oder in anderen Gemeinden des Landkreis verrichten. Landwirtschaft ist kaum noch vorhanden in der heutigen Zeit.
Diese Angleichung an die Linke macht den Umstand umso verwunderlicher, dass dieser uralte Wunsch gerade in der Bastion der bürgerlichen Werte der bayrischen Provinz realisiert wird. Hier wählt man zumindest bei Landtagswahlen geschlossen die antikommunistische CSU die uns vor der Linken, welche das Unrecht in der DDR, wie die Staatssicherheit hervorbrachte, damals wie heute verteidigt. Strauss muss sich doch bei solchen Zuständen im Grabe umdrehen! Das Ziel seiner Politik war es „ die roten Ratten, dorthin zu jagen, wo sie hingehören, in die Löcher.“, wie er in der Welt vom 23.9. 1974 verlauten lies. 3
Es ist nicht davon auszugehen, dass die Gemeinde im Grundsätzlichen, der Stellung zu Kapital und Nation, ein Umdenken anfangen hat und unsere polemisch formulierten Gedanken in ihre politische Agenda aufgenommen hat. Wenn doch müssen wir uns reflektieren und fragen, ob wir zu bürgerlich geworden sind oder ob wir es endlich geschafft haben Horgau „röter“ zu machen? Auch die Themen, die in der Jugendversammlung angesprochen werden sollen, beinhalten uralte Positionen von uns. Der Wunsch nach ArbeiterInnenräten, wurden eben durch die Idee von der Einrichtung eines „Jugendrates“ ersetzt oder die Sache mit dem Nachtbus, welchen wir ebenfalls im Kommunalwahlkampf 2008 verlangten.4 Womöglich unterstütze uns hier auch indirekt die Gemeinde Adelsried, die ihren Sprösslingen bereits den Nachtbus einrichtete und mit der Horgau aus lokalpatriotischer Motivation in Dauerkonkurrenz steht. Schließlich will man doch das beste Dorf bleiben, falls man es überhuaot jemals war. Auf einen möglichen neuen Geist in der Gemeinde weißt auch das dritte Thema auf der Tagesordnung der Jugendversammlung hin die Forderung nach einem „Jugendtreff in Horgau“. Auf den ersten Blick, nichts außergewöhnliches, doch kann man eine Reaktion der Gemeinde auf die aktuelle Situation der Generation hereininterpretieren. Die jungen Leute sind einfach zu unfromm oder gar atheistisch um in eine katholische Pfarrjugendgruppe zu gehen und zu faul, inaktiv für eine Mitgliedschaft in einem der zahlreichen Sport – und Schützenvereine, da muss anscheinend eine unabhängige, neutrale oder staatliche Einrichtung ran die Jugendlichen von der Straße, bzw. den Bushaltestellen, den Bänken vor den Feuerwehrhäusern oder der kleinen Grünfläche bei der Ortseinfahrt direkt am Gasthof Platzer holen. Natürlich ist dieser Jugendtreff dann unter Verwaltung der zukünftigen BürgervereinsmitgliederInnen, das impliziert in Horgau staatlich. Ein Raum für alternative, gegenkulturelle Projekte kann im semistaatlichen Milleu definitiv nicht reifen, da Gegenkultur eine Integration in den Staat, hier in Form der Kommune ausschließt. Die Organisation einer Gegenkultur ist jedoch einer unserer lokalpolitischen Ansprüche.
Ob wir der Vision des roten Rothtals näher gekommen sind oder ob wir nur Teil des kommunalpolitischen Mainstreams geworden sind und damit dazu beitragen das uns knechtende System zu schützen, wenn auch nur in einem Mikrokosmos, könnt ihr am Mittwoch ab 19 Uhr in der Schulturnhalle persönlich erfahren.
Wir werden die Ergebnisse nach deren Publikation von unserem Elfenbeiturm aus in gewohnter Weise kommentieren.

  1. Begriffe in Anführungszeichen beziehen sich auf den Brief der Gemeinde, den 1.Bürgermeister Thomas Hafner persönlich unterschrieb. [zurück]
  2. Mehr Informationen zu dem revolutionären Projekt findest du hier, wenn du auf der linken Seite auf den Button „Dorferneuerung“ klickst. [zurück]
  3. Wahrscheinlich hätte er die ganze Aktion abgelehnt, immerhin stammt von ihm das Zitat: „Die Demokratisierung der Gesellschaft ist der Beginn der Anarchie, das Ende der wahren Demokratie. Wenn die Demokratisierung weit genug fortgeschritten ist, dann endet sie im kommunistischen Zwangsstaat.“ Das Projekt hat schon den latenten Hang zur Demokratisierung. [zurück]
  4. Hier nachzulesen.[zurück]




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