Die Dekonstruktion der ganzen Stadt

Für junge und alte Antifaschistinnen gibt es zahlreiche Gründe, an autonomen Events teilzunehmen. Demonstrationen, die für sich in Anspruch nehmen, den Kapitalismus und dessen Gier zu entblößen, oder Aktionen gegen Aufmärsche politischer Gegner, seien es fundamentale Christengruppen oder das rechtsradikale Lager, haben eben eine gewisse Faszination für sich. Dort kann autonomer alte Demobekanntschaften pflegen (manchmal auch als Vernetzung bezeichnet) und den immer gleichen Inhalten, die immerhin den 0ffiziellen Grund für das Spektakel darstellen, lauschen. Redebeiträge werden oftmals jedoch als langweilig und viel zu langwierig empfunden, da sie im Grunde nur noch einmal den Text des Flyer repetieren. Den breiten schwarz gekleideten Massen geht es wohl vor allem um eines, den großen „Fetz“.

Warum sollte man auch einen Tag des Wochenendes opfern ohne einen adäquaten Ersatz für das versäumte Ausschlafen nach einer anstrengenden Arbeitswoche bekommen? Auch ein autonomer Mensch muss sich schließlich reproduzieren.
Dass in der autonomen Linken dem Wort „Spaß“ eine ganz neue Bedeutung zukommt, wird wohl spätesten seit der Heiligendammberichterstattung bekannt sein. Denn Spaß heißt weder das gemeinsame Absingen der „Internationalen“ in proletarischen Chören, noch das militärische Aufmarschieren innerhalb des schwarzen Blockes, untermalt mit diversen Parolen1; das Mehren von Wissen in anregender Diskussion gänzlich ausgeschlossen. Das ganze Augenmerk wird auf unpolitische Krawalle beziehungsweise „Riots“, wie der/die Autonome von heute diese tauft, gelegt. Diese dienen aber eher zum Ausdruck einer nicht genau definierten Wut auf den „Kapitalismus“, eben das herrschende System, was an allem die Schuld tragen soll. Dieses Verhalten verwundert kaum, da die meisten Autonomen eben noch postpubertäre männliche Schüler sind, die an einer produktiven Auseinandersetzung mit diesem System, beispielsweise durch Lektüre, recht wenig interessiert sind.

Inwieweit können solche Krawalle, die eben nicht nur in einem „politischen“ Kontext entstehen, sondern auch nach einer Fußballpartie durch meist unpolitische, aber in Sachen Zerstörungswut dem schwarzen Block in nichts nachstehende Hooligans initiiert werden, überhaupt zu einer Systemkritik beitragen?
Hierzu habe ich einen Vergleich zwischen Riots während eines Fußballspiels des AC Turin

und den 1. Mai Krawallen aus Berlin angestellt.4

Zum einen ist es definitiv richtig, dass autonome Ausschreitungen auf eine sehr bildliche, direkte Weise den Kapitalismus zerstören. Fensterscheiben von Geschäften werden eingeworfen, „Bonzenautos“ angezündet und die Bepflasterung von großen Plätzen und Straßen wird abgebaut. Die ganze moderne kapitalistische Stadt, überspitzt das Paradebespiel für Civilisation, die erst durch die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise entstand, wird dekonstruiert. In gewisser Maßen ein konsequenter Aktionismus der antikapitalistischen, autonomen Szene, die das System auf Kosten des Fortschritts negiert.
Die große Frage, wie ein „cooler“ autonomer Lifestyle mit Sambas und Designersonnenbrille ohne Geschäfte und die globalisierte, kapitalistische Welt möglich wäre stellt sich natürlich keiner, da wir alle Teil dieses Systems und keiner den Gestzmäßigkeiten des Kapitalismus entkommen kann. Lieber will autonomer die Staatsmacht, die in diesem Fall von der Institution „Polizei“ verkörpert wird, attackieren. Da gegen das USK und ähnliche Sonderkommandos, welche natürlich die härteste Demonstrationseinsatztruppe Europas darstellen, kein gewaltsamer Widerstand möglich ist, bewirft man die Polizistinnen mit allem was autonomer in einer Großstadt an losen Gegenständen vorfindet. “ […] Bullen sind Schweine. Wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, kein Mensch. Und so haben wir uns mit ihnen auseinander zusetzen […] natürlich kann geschossen werden.“, wusste schon Ulrike Meinhof zu sagen (da Polizistinnen meistens sehr gut gepanzert sind, wird in der autonomen Wut auch gerne mal auf die Fahrzeuge der Staatsmacht ausgewichen).
Natürlich hinterfragt kein/e Autonome/r dabei, was passieren würde, wenn keine „Bullenschweine“ anwesend wären. Welche Barbarei dies bedeuten würde, vor allem in Gegenden, in denen die nationalen Kräfte den linksradikalen überlegen sind, kann ich jeder vorstellen. Nicht nur die Geschäfte und Autos Dritter wären dann in Gefahr, auch das Wohl der Demonstrantinnen. Dies soll nicht bedeuten, dass eine Kritik an den Aktionen der Polizei grundsätzlich falsch ist, denn Polizeigewalt produziert nun mal stets autonome Gegenreaktionen oder umgekehrt, usw..

In einer Straßenschlacht zwischen Anhängerinnen des nationalen Widerstand und des linken Pendant wären die Akteure zufälligerweise optisch nicht mehr zu unterscheiden. Es wäre ein pechschwarzes Farbenmeer in dem politische Unterschiede gänzlich verschwimmen würden. Spätestens der neue rechte Lifestyle und das Auftreten der AN–Bewegung sollte der Linken ein Wink mit dem Zaunpfahl sein, auch wenn die Nazis womöglich nur „alles nachmachen“ (als stehe das Kopieren der linken Autonomie im Vordergrund und nicht der praktische Nutzen der Erscheinung im schwarzen Block).
Die ausbleibende Emanzipation vom Black-Block Style, der in der Bevölkerung mittlerweile primär mit Schrecken und Angst assoziiert wird als mit einem paradiesischen Communismus oder wenigstens Antifaschismus, ist ein weitere Zeugnis von der offensichtlichen Unfähigkeit der radikalen Linke sich zu reflektieren. Ernsthafte Theoriearbeit kommt bei den Volksmassen im Gegensatz zu Gewaltauschreitungen sowieso nicht mehr an. Hauptsache eine Medienpräsenz der Linken, auf welche Weise auch immer, soll stattfinden, damit Autonomie im Tagesgespräch bleibt, 2. Die Präsenz in den bürgerlichen Medien gibt ein Gefühlt der Macht über das veränstigte Volk; eine sadistische, für pubertierende Jungs zumal auch angenehme Erfahrung.
Eine solche autonome Linke ist jedoch überflüssig. Sie scheint nicht besonders politisch zu sein, da sie Hooligans in derGewaltbereitschaft gleicht und auch sonstigen zerstörungswütigen, auch apolitischen Jugendkulturen in nichts nachsteht. Auch bringt sie es nicht zustande, eine fundierte Kapitalismus- oder wenigstens Geselschaftskritik zu äußern. Statt dessen bietet sie eine Basis für seltsame Ausgeburten linker Ideologien, wie (tendeziell) antisemitischen Verschwörungstendenzen oder Solidarität mit völkischen Befreiungsbewegungen. Diese sind auch bezeichnend für den nationalen Widerstand, was wiederum einen Lagerwechsel erleichtern. Wo liegt der Unterschied zwischen Antifa und AN, der die Anwesenheit beider Bewegungen begründet, wenn doch beide die gleichen Feinde haben und die selbe Praixs, gegen diese vorzugehen?
Diese Frage sollten sich einige Aktivistinnen des antifaschisitschen Spektrum langsam stellen.

  1. Mittlerweile werden immer häufiger am Rand von Demonstrationen Parolenflyer herumgegeben, wahrscheinlich um das Problem der fehlenden Vielfalt so zu lösen. In Regensburg am 3.10.2009 waren die orginellen Sprüche unter anderem „No Border, No Nation – Stop Deportation“, „Nazis vertreiben Flüchtlinge bleiben“ oder „Auf den Standort Ort Deutschland scheißen – Nazis in die Donau schmeißen“, zwar mögen die Inhalte richtig sein, aber erstens sind sie in dieser Form überflüssig, da zusammenhangslos im Durcheinander der Parolen in einem Demonstrationszug und zweitens stilistisch einfach schlecht. Sie werden nur übertroffen durch den Höhepunkt miserabler autonomer Lyrik „Schießt den Nazis in die Hoden – deutsches Blut auf deutschem Boden!“ [zurück]
  2. Wie diese aussieht, will ich an anhand eines Artikels in iner großen deutschen Tageszeitung aufzeigen.
  3. Ich hoffe jedem es bewusst, dass es wahe Ausschreitungen sowieso nur in Südkorea gibt, sollte jedem bekannt sein: [zurück]

5 Antworten auf “Die Dekonstruktion der ganzen Stadt”


  1. 1 Knarz 20. Oktober 2009 um 22:58 Uhr

    „Welche Barbarei dies bedeuten würde, vor allem in Gegenden, in denen die nationalen Kräfte den linksradikalen überlegen sind“

    Also beschränkt auf organisierte Nazis (die sich auch zu Demos usw. mobilisieren lassen) gibts sowas überhaupt erst seit ein paar Jahren. In den 80ern, und teilweise sogar noch bis Ende der 90er war das Verhältnis von Linken zu Rechten bei Demos irgendwas zwischen 10 und 50 zu 1 für dir Antifa. Ohne Polizeischutz damals gäb es heute kein Problem mit Naziaufmärschen und in den Großstädten kein öffentliches Auftreten von Nazis. Man sollte auch nicht unter den Teppich kehren, das „national befreite Zonen“ auch nur durch Unterstützung der Staatsmacht möglich sind. Dazu gehört es z.B., bei Übergriffen von Nazis erstmal alle Opfer einzusperren und mit Verfahren zu überziehen, und Ermittlungen gegen Nazis grundsätzlich zu verschleppen. Und beim Verdängen von Obdachlosen, Punks, Migranten und Jugendlichen mit Hiphop (oder sonstigem undeutschen) Outfit aus der Öffentlichkeit arbeiten Nazis und Cops ja Hand in Hand. Euer Loblied auf die bürgerliche Gesellschaft greift da einfach zu kurz.

  2. 2 Bärbel 21. Oktober 2009 um 23:32 Uhr

    Ich denke deine These, dass eine Abwesenheit von Polizieschutz in den 80er und 90er Jahren, die Nazis aus dem öffentlichen Leben verbannt hätte, kannst du einfach nicht beweisen. Die Staatsmacht ist einfach gar nicht weg zu denken von solchen linksradikalen Großereignissen, schon alleine um die Innenstädte und Passantinnen zu schützen. Jeder kann sich vorstellen, was passiert, wenn man eine Innenstadt dem wütenden schwarzen Block überlässt, der eine lächelt jett, ich empfinde es eher als trist.

    Außerdem die Nazis von der Straße zu verjagen ist nicht gleichzusetzen mit Ausläschung des Postnazismus.

    Die Polizei vertreibt zwar Punks und Obdachlose aus den Innenstädten, eine massenhafte Verbannung der anderen genannten Gruppen vor allem der Hiphoper kann ich empirisch widerlegen, benutzt aber dafür rechtstaatlich Legitaimation. Diese ist zwar bestimmt nicht zwingend gerecht und mit Klischees behaftet, aber niemand kann leugnen, dass Punker und Obdachlose den Bürgerinnen verschrecken und mit ihrer Lebenart auch terrorisieren.
    Nazis pöblen Subjekte, die nicht in ihr nazistisches Weltbild passen an oder fügen ihren Opfern körperliches Leid zu, also keine rechstaatlichen Mittel.

    Niemand loblt hier die „bürgerliche Geselschaft“, aber Ordnung durch Poliziegwalt hergestellt ziehe ich einem lebensbedrohenden Chaos und Barbareo definitiv vor.

  3. 3 exil-bayer 18. November 2009 um 18:35 Uhr

    oh je, hier wird zu einer diskussion „aufgerufen“, die schon vor 10 unsinnig und wirkunslos war. die, die nur bock auf krawall haben, lassen sich durch einen solchen artikel auch nicht davon abhalten oder sich zu reflexion bewegen.
    zudem ist euer bild von den anscheinend homogenen „autonomen“ ziemlich old scool. z.b. keine autonomen haben eine ordenliche ökonomiekritik zu bieten. dass das in bayern so ist, glaube ich sofort. außerhalb davon sieht die realität anders aus.

    solidarische grüße

  4. 4 Bärbel 18. November 2009 um 22:30 Uhr

    Ich denke der Artikel impliziert bereits in gewisserweise dass eine Kritik an der linksautonomen Bewegung vor allem den „Krawallmachern“ sinnlos ist. Es gibt dafür weder das theoretisches Fundament, noch die innere Reife bei den Jugendlichen. Bei uns hat sich auch noch kein durch diesen Beitrag geläuterter gemeldet, worum es usn auch gar nicht ging.

    Im Grunde ist das offentsichtlich mangelnde Kritische Fundament noch nicht einmal der entscheidende Punkt gewesen, selbst in Bayern leben (bestimmt)denkende Autonome. Die Kritik war eher die Kritik der Handlungsweise und des öffentlichen Auftretten des schwarzen Blocks – welche europaweit, sogar global identisch ist, wenn es überhaupt Ausnahmen gibt, dann sind dieses jedoch vernachlässigbar. Beschäftigung mit teifergehender Kritik verliert ihren Sinn, wenn sie praktisch keinerlei Konsequenzen nach sich zieht.

    Was der Gruppe Antifa Horgau außerdem wichtig ist, ist es den Leuten aus diesem Dorf und der Region imm wieder zu zeigen, dass wir anders sind und uns eben von Straßenschlachten in der Regel distanzieren.

    Solidarische Grüße zurück

  5. 5 exil-bayer 19. November 2009 um 0:00 Uhr

    nicht falsch verstehen, will diese peinlichkeiten nicht rechtfertigen und mcdonalds scheiben einwerfen als praktizierten antikapitalismus zu verkaufen ist schon echt ein starkes stück ;)

    „Beschäftigung mit teifergehender Kritik verliert ihren Sinn, wenn sie praktisch keinerlei Konsequenzen nach sich zieht.“

    außer bücher lesen fällt mir nicht viel dazu ein…

    übrigens bin ich überrascht, dass sich in so einem kaff wie horgau solch eine sympathische gruppe gebildet hat ;) und das nur einige kilometer von meinem ehemaligen wohnort entfernt – schade.

    für mehr kommunistische hetze in horgau und anderswo.

    beste grüße

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