Halbbildung – vom Scheitern der Bildungsidee

Flyer zum Bildungsstreik am 17.06. in Augsburg:

Wer am 17.06. gegen die derzeitigen Verhältnisse im Bildungswesen auf die Barrikaden geht, weiß um die fatalen Zustände, die, hervorgerufen durch die Bildungspolitik der letzten Jahre, das Leben von Schüler_innen und Student_innen in einem nichthinnehmbaren Maß belasten. Doch während gegen diese offensichtlichen Missstände protestiert wird, läuft die ganze Problematik des Bildungsbegriffs an sich, die Adorno in seiner „Theorie der Halbbildung“ treffend formuliert hat, Gefahr, gänzlich aus der Kritik zu fallen. So notwendig die Auseinandersetzung mit tagespolitischen Entscheidungsprozessen ist; es darf nie das „große Ganze“, die Verknüpfung mit dem ganzen herrschenden System vergessen werden. Deshalb wird hier im Folgenden versucht, einen kleinen Einblick in Adornos Analyse des Bildungssystems zu ermöglichen.

Adorno knüpft zunächst an die, u.a. von Humboldt gelehrte neuhumanistische Bildungsidee an. Diese fordert, dem Heranwachsenden einen Raum zu geben, in dem er vor gesellschaftlichen Anforderungen geschützt ist und der behandelte Unterrichtsstoff gänzlich von dem Drängen nach gesellschaftlicher Brauchbarkeit getrennt ist. Das heißt nichts anderes, als dass der/die „Schüler_in“ seine/ihre eigenen Zwecke setzt, nur für „sich“ lernt, und sich nicht von gesellschaftlichen Anforderungen an ihn/ihr beirren lässt. Gesellschaftliche Zwecke sind z.B. die Forderung nach der Erzeugung von Humankapital, also bloßes Lernen um Wissen zu erzeugen, das später (ähnlich einer technischen Fähigkeit wie Schreinern) verkaufen werden kann.
Nur wenn solch ein Freiraum ermöglicht wird, so Humboldt, kann das Individuum seine vollkommene Souveränität erlangen. Adorno interpretiert diese Bildungsvorstellung nun, indem er in ihr sowohl die „Bändigung des animalistischen Menschen“ und die „Rettung des Natürlichen“ im Menschen sieht. Sie enthalte das Versprechen einer herrschaftsfreien Entfaltung des Individuums, die eben wiederum nur durch einen zweckfreien Umgang mit dem behandelten Gegenstand (dem „Stoff“) ermöglicht wird. Außerdem ist für ihn „in der Idee der Bildung zwangsläufig die eines Zustands der Menschheit ohne Status und Übervorteilung postuliert“, und sobald die Bildungsidee von diesem Leitspruch sich entfernt, „frevelt sie an sich selbst“.

Dieser „Frevel“ besteh für Adorno in der Deformation der Bildung zu einer Vereinnahmung dieser durch gesellschaftliche Zwecksetzung, also genau zum Gegenteil dessen, was das Bildungsideal eigentlich fordert. Diese Deformation bezeichnet er als Halbbildung.
Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, dass zwar Halbbildung eine Erscheinungsform der Bildung ist, sie jedoch keine Verfallsbehauptung der Bildung darstellt. Es heißt eben nicht, dass es je gelingende, eine ihrem Ideal entsprechende Bildung gegeben hätte! Wenn das der Fäll wäre, könnte mensch sich geruhsam zurück lehnen und bloße Überformungen der Bildungsidee (wie z.B. ein G8) bekämpfen, während an der grundlegenden traditionellen Bildung festgehalten wird. Um nun zu zeigen, dass solche Grabenkämpfe, wie sie derzeit gefochten werden, an der gesamten Misere nicht viel ändern können, muss der gesamte Begriff der Bildung hinterfragt werden; es muss sein innerster Widerspruch aufgezeigt werden!

Denn während die Bildungsidee die bloße Vergesellschaftung ablehnt, hat sie gerade diese zu ihrer Vorraussetzung; sie entspringt der Gesellschaft, als deren Gegensatz sie formuliert wird. Und diese bürgerliche Gesellschaft wartet mit einem nicht eingelösten Versprechen auf, das die Grundlage der Bildung ist: Sie verspricht eine freie individuelle Entfaltung, die jedoch von gewissen Bedingungen abhängt: zum einen die Herrschaft des Arbeitsvertrags (Marx), zum anderen die Unterwerfung der (eigenen) Natur. Das heißt, dass im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise jede_r sich diesem Prozess unterwerfen muss, um überhaupt existieren zu können. Mit anderen Worten: Die Spielregeln der individuellen Selbstbehauptung, die auch im Kapitalismu gefordert wird, werden dem Individuum aufgezwungen. Es hat keine Selbstbestimmung mehr und muss sich der vorgefundenen sozialen Ordnung unterwerfen. Das eben ist der Widerspruch der Bildungsidee, dass, um als scheinbar freies Subjekt zu gelten, Selbstdisziplinierung erforderlich ist um sich dann eh einer sozialen Herrschaftsstruktur einzugliedern!

Nach Adorno schlug dieser Widerspruch seit dem 19.Jh. (u.a. mit dem preußischen Schulsystem) in eine einseitige Auflösung um: der Faktor „gesellschaftliche Brauchbarkeit“ nahm nun die Überhand und Bildung ordnete sich vollends gesellschaftlichen Zwecken unter. Heutzutage wird ausschließlich versucht, das Individuum zu einem möglichst angepassten und gut verwertbaren Akteur für den Arbeitsprozess zu formen. Das derzeitige Schulwesen ist ausnahmslos zu einer Instanz zur Vermittlung von Halbbildung herangereift.

In dieser Halbbildung überdauern nach Adorno „die warenhaft verdinglichten Sachgehalte der Bildung“, wobei eine „lebendige Beziehung zu lebendigen Subjekten“ unmöglich wird. Am Beispiel der Geisteskultur wird dies erläutert: der Wahrheitsgehalt eines Kunstwerks ist nicht definierbar. Es kann keine endgültige Interpretation geben und somit ist dieses Werk im adornoschen Sinne „nicht beherrschbar“. In der Halbbildung wird dieser Wahrheitsgehalt nun durch eine kanonisierte Interpretation zerstört. Dies ist erforderlich, um eine vermeintliche Verfügung über den Gegenstand zu suggerieren, damit es im schulischen Sinne abgeschlossen ist und zum nächsten Thema vorangeschritten werden kann. Somit ist Halbbildung der Verlust einer Möglichkeit bildender Erfahrung. Es gibt keine Annäherung an den Gegenstand, vielmehr wird versucht ihn zu beherrschen, um ihn letztendlich ökonomisch verfügbar zu machen.

Als Kriterium der Kritik an der Halbbildung bleibt letztendlich nichts als die ursprüngliche Bildungsidee, die die „Antithese zur sozialisierten Halbbildung“ darstellt. Diese enthält jedoch, wie oben festgestellt, selbst Grund zur Kritik, da sie ein Widerspruch in sich ist. Adorno weiß um diese Situation, dass die Bildungsidee als Kriterium der Kritik nur als metaphysische Idee aufgefasst werden kann und kennt die damit verbundene Problematik. Als Alternative bliebe jedoch nur die Identifikation mit der gesellschaftlichen Situation, die so ja nicht hinnehmbar ist.

Was heißt das nun für den Protest? Für Adorno liegt der Ausweg aus dem Bildungskonflikt nur in der Geisteskultur, die eine herrschaftsfreie Beziehung zum Objekt ermöglicht. Die Forderungen von Gegner_innen der derzeitigen Situation ziehen bloße Umstrukturierungen des Bildungssystems mit sich. Der ureigenste Zweck der Halbbildung, die Produktion von Humankapital bleibt bestehen. Das schließt natürlich berechtigten Protest an den Verhältnissen nicht aus, die offensichtlich eine physische und psychische Gefahr für die Lernenden und Lehrenden darstellen. Letztendlich muss aber Kritik am herrschenden „Ganzen“ verübt werden, denn ohne diese bleiben die grundlegenden Strukturen, die das ganze Übel verursachen, unangetastet!


2 Antworten auf “Halbbildung – vom Scheitern der Bildungsidee”


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