Letters to the President

Die Dokumentation „Letters to the President“, die im Rahmen der Augsburger Filmtage vorgeführt wurde, gewährt einen Einblick in die innenpolitische Wirkung Mahmud Ahmadinedschads und bestätigt nahezu alle Vorbehalte über den Gottesstaat Iran, die wir davor schon festgehalten haben.
70 Minuten lang begleitet der tschechische Regisseur Petr Lom den Präsidenten, wie dieser im ganzen Land herumreist und sich als verständnisvoller Zuhörer und iranischer Patron präsentiert. Die iranische Bevölkerung ist gänzlich aus dem Häuschen und begrüßt den Tross des Staatsoberhaupts erst einmal mit einem dreifachen „Tod Israel“. Die Szenen danach muten für das westliche Demokratieverständnis etwas seltsam an, da Ahmadinedschad eine fast gottähnliche Verehrung entgegenschlägt. Selbst der Vertreter der staatlichen Postannahmestelle, die die tausend täglichen Zusendungen an den Präsidenten bearbeitet, vermutet in sichtbarer Demut, dass Mahdi – die Erlöserfigur in dieser Auslegung des schiitischen Glaubens – persönlich in Ahmadinedschads Büro anzutreffen wäre. Dies erklärt vielleicht, warum die Frau in der iranischen Provinz vor Begeisterung zu Boden sinkt, als der Präsident ihr an Krebs erkrankte Kind in die Höhe hält und beteuert, dass alles wieder gut werden wird. Wozu braucht es da noch eine Krankenversicherung, wenn es doch einen staatlichen Wunderheiler gibt?
Den Mann, der immer noch über seinen im Krieg gegen den Irak gefallenen Sohn trauert, kann der Mann mit den Mahdi-Connections ebenfalls vertrösten, indem er ihn als „Märtyrervater“ bezeichnet, der doch gefälligst Stolz auf die Heldentat seines Kindes sein soll: „Das ist auch dein Ruhm.“
Als der Präsident auf die Bühne tritt und das hysterisierte Volk (das übrigens immer noch „Tod Israel“ und „Tod den USA“ bekundet) in seinen Bann zieht, lassen sich durchaus Parallelen zu diversen Massenkundgebungen vor 60 Jahren ziehen. „Iran steht stark gegenüber seinen Feinden und wird ihre Knochen brechen“ ist nun zu hören, „Iran wird die führende Nation über den geknechteten Völkern dieser Erde werden“. Dies ist nicht unbedingt in Einklang zu bringen zu seinen „gemäßigten“ Tönen, die er gerne der Weltöffentlichkeit vorspielt. Auch die Zuhörerschaft steht in Sachen martialischer Parolen ihrem Führer in nichts nach. So ist etwa ein einfacher iranischer Bauer überzeugt, dass „Mahdi kommen und die Genicke der Ungläubigen brechen [wird]. Die Erde wird voll von Blut sein.“
Dazu mutet es doch etwas bedenklich an, wenn ein Chor von tausenden aufgebrachten Menschen ihr „Recht auf die Atombombe“ fordert. Zu rein zivilen Zwecken versteht sich.
Die These, dass die iranische Führung durch ihren Erlösungswahn eigene Verluste billigend in Kauf nehmen würde und deshalb ein viel höheres Gefahrenpotenzial besitzt, bestätigt eine Frau, die beteuert, dass sie auch „ohne Brot und Wasser“ leben könnte. Die Aufopferungsbereitschaft für Glaube, Führer und Nation, die sich auch auf die unbedarftesten Lebewesen auswirkt („alle unsere Kinder sind wie kleine Atombomben“) nimmt somit erschreckende Züge an und macht einen Verweis auf die NS-Erlösungsversprechungen wiederum unabdingbar.
Auf dem Weg nach Teheran schlägt einem noch einmal die krude Propaganda der islamischen Theokratie entgegen. Auf einem überlebensgroßen Plakat ist eine verschleierte Mutter mit einer Panzerfaust zu sehen, die ihr in einen Sprengstoffgürtel gepacktes Kind auf dem Arm hält. Darunter wird mit dem Slogan „Ich liebe mein Baby – aber Märtyrer liebe ich mehr“ für den „Widerstandskampf“ in Palestina geworben.
In der Hauptstadt angekommen, bekommt man es das erste Mal im ganzen Film mit einigermaßen vernünftigen Menschen zu tun. Eine junge, modisch gekleidete Studentin wagt offene Kritik an den Praktiken der „Sittenwächter“, die die Freiheiten für junge Menschen enorm einschränken und vom strengen Kodex des Islams abweichende Verhaltensformen mit drakonischen Praktiken bestrafen.
Eine der letzten Sequenzen zeigt eine Gruppe junger Männer, die auf einer Parkbank versammelt ihre Bierflaschen lehren. Auch sie beklagen die Unfreiheiten des Systems und beschweren sich über das ewige nervtötende Geplärr des Imams, der Tag und Nacht seine Suren über der Stadt kundtut. „Eine aufgeklärte Jugend hat hier keine Zukunft“, wirft einer aus der Gruppe ein, „sogar das Bier das wir hier trinken ist, streng nach islamischen Recht, alkoholfrei.“

Der ganze Film ist, neben seinem etwas beliebigen Konzept, in die Kritik gekommen, da Regisseur Lom das Gesehene in den Raum stellt und ohne weitere erläuternde Kommentare versieht. Es werden – bis auf die verhaltende Kritik junger Studenten – ausschließlich systemtreue Menschen gezeigt, die die staatliche Propaganda aufnehmen und multiplizieren, was in dieser Form auch fälschlich als Legitimierung dieses inakzeptablen Gedankenguts gedeutet werden kann. Die Portraitierung Mahmud Ahmadinedschads, der in weiten Teilen als Witze reißender, verständnisvoller Zuhörer dargestellt wird, verzerrt die tatsächliche politische Relevanz des iranischen Politikers, dem ein unbedarfter Zuschauer tatsächlich einen Hauch von Sympathie entgegen bringen könnte. Sträflich vernachlässigt werden dagegen die dem Menschenrecht spottenden Standpunkt in Bezug auf Israel oder der eigenen Politik, wie etwa die Stellung der Frau oder der Umgang mit gleichgeschlechtlicher Liebe etc..
In einem Interview mit dem „Cicero“ zeigt sich Petr Lom sogar offen „sehr beeindruckt“, mit welchem Elan Ahmadinedschad seinen Populismus im ganzen Land verbreitet. Das diese Praktik – das Herumreisen mit einem ganzen Verwaltungsapparat, anstatt dem Lösen von Problemen propagandistische Versprechungen zu geben und letztendlich als gottähnlich angesehen zu werden – eher den frühmittelalterlichen Reisekönigen ähnelt, ist bei ihm anscheinend noch nicht ganz ins Bewusstsein getreten.
Auch fehlt die Beleuchtung des tatsächlichen iranischen Widerstands, der eine Präsentation in der Öffentlichkeit mehr als nötig hat. Der Regisseur meint vielmehr, dass das Entgegenbringen von Sympathie gegenüber der iranischen Bevölkerung „Basis jeden fruchtbaren Dialoges ist“. Wie weit es jedoch nützlich ist, mit ideologisierten Menschen einen Dialog zu führen, die den ungläubigen Partner lieber erschlagen sehen, bleibt offen.


1 Antwort auf “Letters to the President”


  1. 1 C.P. Solidarity 08. Juni 2009 um 22:45 Uhr

    Liebe Genossen,

    wir – Peyvand, das Solidaritätskomitee für die Freiheitsbewegungen im Iran – rufen auf, sich an den Protesten am Freitag, den 12. Juni um 11 Uhr vor den iranischen Konsulaten in Frankfurt (Raimundstraße 90) und Hamburg (Bebelallee 18) zu beteiligen. Gegen das islamistische Regime und für die Solidarität mit den Widerstand leistenden Menschen im Iran!

    Aufruf von uns, Peyvand, findet ihr hier:
    http://cosmoproletarian-solidarity.blogspot.com/2009/06/12-juni-hamburgberlinfrankfurt.html

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