Unser Deutschland

„Dies ist unser Deutschland, dies ist euer Deutschland; dis is wo ich herkomm!“ – Was wie eine neue Werbekampagne der Bundesregierung für die Stärkung des deutschen Nationalbewusstseins klingt, ist dem neuen Song des ehemalig linksliberalen Rapper Samy Deluxe entnommen. Nach Jahren des ewigen Nörgelns und hemmungslosen Mariannakonsums legt der Künstler nun offenbar sein rebellisches Image ab und präsentiert uns ein neues, geläutertes Wesen, das sich endlich auf seine Wurzeln zu besinnen scheint und, ganz dem Herkunftsland verpflichtet, feststellt, dass „Deutschland schon ganz in Ordnung“ ist.
Der ganze Song kann als Sinnbild des neu definierten deutschen Nationalstolzes verstanden werden, der vor allem von jüngeren Generationen mit Freuden angenommen wird (siehe Massenhysterie im „Fußballmärchensommer“). Das spezifische an dieser Form des Patriotismus ist (wie es Thiel Schweiger auf lavache treffend formuliert hat) nicht etwa die Leugnung oder Verharmlosung der eigenen verdammenswerten Vergangenheit, wie es die Rechte beispielsweise praktiziert, sondern liegt gerade im Moment der Erinnerung an den Nationalsozialismus und der damit vermeintlichen „Läuterung“. Das Geschehene wird wahrgenommen, rezipiert, letztendlich wird aber die Forderung nach einer Beendigung der Erinnerungskultur laut („Schluss mit den alten Zeiten“).

Dieser Patriotismus beruft sich geradezu auf seinen inhärenten Antifaschismus, dessen Errungenschaften nun als Legitimation für die eigene Verherrlichung herangezogen werden. So preisen Samy Deluxe, aber auch sein Kollege Massiv „den ganzen Fortschritt der kulturellen Vielfalt“ und fordern deshalb das Recht auf ein stolzes Deutschsein ein.
Der Nationalstolz wird als ganz natürliches Recht des Einzelnen postuliert, dass den Deutschen jedoch wegen Verbrechen irgendwelcher Vorfahren genommen worden ist („Wir haben kein Nationalstolz und das alles bloß wegen Adolf“).
Die Antwort auf die Frage, was an diesem so natürlich ist und warum man ihn überhaupt benötigt, bleiben die neuen Apologeten Deutschlands einem schuldig. Wenn die Identifizierung mit einem Staat nicht mehr dem tatsächlichen Fortschritt bzw. Vorteil des eigenen Landes dienen soll (Expansion, Durchsetzten eigener Interessen gegenüber Anderen; also aggressive Auswirkungen des viel gescholtenen „Nationalismus“), wie es der neudeutsche Patriotismus für sich behauptet, gibt es keine einzige rationale Begründung für dieses Phänomen. Es wird ausschließlich auf den Patriotismus anderer Nationen hingewiesen und nach dem infantilen Motto „Wenn der das darf, will ich das auch dürfen“ blind drauf los verklärt. Somit ist es eher Freizeitbeschäftigung („…der eine hat einen Fuchsschwanz an der Autoantenne, der andere ein [Deutschland]Fähnchen…“; Kommentar auf SPIEGEL-Online), die jedoch immer noch ein überaus gefährliches Aggressionspotential besitzt. Der Nationalismus bzw. die vermeintlich abgeschwächte und damit relativierte Form, der Patriotismus haben nämlich stets das Moment der bewussten Abgrenzung inne. Es wird zwischen „Inländer“ und „Ausländer“ differenziert (wie willkürlich solche Unterscheidungen ausfallen können, sieht man eben an den mannigfaltigen Ausrichtungen des Patriotismus) und damit werden stets Unterschiede proklamiert, die bei genauerer Betrachtung jedoch hinfällig erscheinen. Dieses suggerierte Bewusstsein der Existenz von Andersartigkeit entlädt sich in ständigen Exzessen gegenüber den vermeintlich „Andersartigen“. Nicht umsonst wurden zahlreiche Geschäfte türkischstämmiger Mitbürger während der EM 2008 Ziel von nationalistisch begründeten Angriffen, und dies gerade im Rahmen eines ach so friedliebenden „Partypatriotismus“. Es ist reiner Zynismus, diese Angriffe als abgesonderte Extremform von einigen „Verblendeten“ anzusehen und die Ursache nicht im ganzen absurden Denksystem zu suchen.

Die Wirklichkeit in dem Land, das Samy und Co. mit Jubelhymnen überhäufen, wird von ihnen bis hin ins lächerliche euphemisiert. Es wird geschwärmt, dass es „hier zumindest Chancen [gibt], was aus seinem Leben zu machen“. Die Leitdoktrin der marktwirtschaftlichen Ideologie hat also auch den Einzug in die Rapkultur geschafft; selber Schuld ist, wer aus seinen angeblichen Chancen nichts draus macht. Auch findet es Samy Deluxe begrüßenswert, dass es in Deutschland wenigstens „noch eine Mittelschicht zwischen Reichen und Armen“ gibt. Der Klassenkampf kann also getrost vergessen werden; solang wenigstens hier ein paar Leute noch nicht von der Hand im Mund leben müssen, kann prekäres Elend getrost zum Randphänomen deklariert werden. Selbst das Argument der „multikulturellen Vielfalt“ führt sich selber obsolet, da trotz gewissen demokratischen Errungenschaften der soziale und ethnische Frieden mit Sicherheit nicht besteht (was beide Rapper mit Migrationshintergrund eigentlich am besten wissen sollten; nicht umsonst ist der Konflikt mit der Illegalität und die Berufung auf die ethnische Herkunft wesentlicher Bestandteil des deutschen Gangsta-Raps) .

Ein gewichtiger Aspekt dieser ganzen verklärenden Rhetorik bleibt aber die offensichtliche Berufung auf das Wohl des Volkes, auf die Volksgemeinschaft. „Das Land hat mir etwas gegeben, ich will was zurückgeben“; es wird das Bild einer multikulturellen Gemeinschaft suggeriert, die jedoch ein gemeinsames Ziel anstrebt: den Volkswille. Ähnlich dem amerikanischen Patriotismus wird das eigene Land weniger durch ethnische Gemeinsamkeiten als vielmehr durch gemeinsame Werte und Vorstellungen definiert. Damit wird jedoch genau wie in der rassisch begründeten Variante eine Masse von Menschen, ob das einzelne Individuum gewillt ist oder nicht, mit einer Volksidee gleichgesetzt, mit der es sich zu identifizieren gilt.
An dieser Vorstellung der Volksgemeinschaft setzt auch Rapper Massiv an: „Wir sind alle gleich, wir sind alle vereint“ heißt es in der ersten Liedzeile seines vielversprechenden Songs namens „Deutschland“ und wieder stilisiert er die angeblichen postnazistischen Errungenschaften. Die Floskel, dass hier „egal ob arm oder reich, schwarz oder weis“ jeder unter dem schwarz-rot-goldnem Banner sein Heil erwarten kann, offenbart einen weiteren Punkt, der dem völkischen Nationalismus nicht unähnlich ist. Das Land, die eigenen Nation wird für die Projektionsfläche eigener Wünsche und Bedürfnisse gehalten („das ist das Land das uns zum Glück führt“) und so wie im Nationalsozialismus der prekäre Arbeiter und der Großindustrielle für das Wohl des Vaterlands eingespannt worden sind, so werden auch hier existierende Klassenunterschiede und, in übertragener Form, ethnische d.h. soziale Differenzen nicht dem Versuch unterzogen, sie beiseite zu schaffen, sondern vielmehr in der Nation aufgehen zu lassen. Es mutet recht lächerlich an, wenn Massiv ganz richtig erkennt, dass es „hier und dort arme Leute mit viel Schulden im Genick“ gibt, „die nicht viel besitzen, doch man fühlt dass sie zufrieden sind“. Dieses intuitive Gespür für das Empfinden des/r einfachen Hartz IV Empfängers/in würde sich wohl jeder Sozialarbeiter wünschen.
Sich mit den gesellschaftlichen und ökonomischen Zuständen zufrieden zugeben und sich ganz der Droge Patriotismus hinzugeben, scheint auch nach 60 Jahren die angenehmere Wahl zu sein.

Es ist also bemerkenswert, wie dieser neue Rapstil zum Sinnbild der allgemeinen Auffassung bezüglich Deutschlands Vergangenheitsbewältigung avanciert und alle kruden Elemente des neuen Partypatriotismus in sich aufnimmt. Wohin das damit verbundene Denken letztendlich hinführen kann, liefert uns wiederum Rapper Massiv: „Die Leute sagen es wird einer aus dem Volk kommen… und erst wenn er kommt wird hier alles vollkommen.“ Wer hätte gedacht, dass die Heilsversprechen eines kleinen „Österreichers“ auch zu heutiger Zeit auf offene Ohren treffen…

Lyrics „Dis is wo ich herkomm“, „Deutschland“, „Einer aus dem Volk“





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