Bibeln für das Volk

Die rote Maobibel hat aber auch was...

Es ist schon ein lustiges Völkchen, diese Christen. Die einen stellen sich vor Krankenhäuser, um abtreibungswilligen Frauen wieder ein wenig Gottesehrfurcht einzubläuen, andere biedern sich mit dem guten alten deutschen Adel an und veröffentlichen geistreiche Bücher mit noch intelligenterem Inhalt.
Doch abseits von medienlüsternen Kardinälen und Bildzeitungsbischöfen gibt es auch noch traditionelle Kirchenmitglieder, die sich dem wahren Auftrag Gottes berufen fühlen und sich dem schnöden Dienst zuwenden, ihre verlorenen Schäfchen wieder heim in den Schoss der Kirche zu geleiten.
Eine Vereinigung, die sich diese „Missionierung“ zu Eigen gemacht hat, nennt sich „Die Gideons“.
Diese Glaubensgemeinschaft fühlt sich verpflichtet, jedem, aber auch wirklich jedem Erdenbürger, der sein Dasein in Sünde fristet, am Wort Gottes teilhaben zu lassen. Welch zutiefst kommunistischer Grundgedanke!
Ganz nach diesem Motto verteilen Anhänger der Gruppierung ihre „Heilige Schrift“, die sogar von Luther, dem alten Revoluzzer übersetzt worden ist, an die ganze, große weite Welt. Sie legen Bibeln in Hotels, Krankenhäusern, Altersheimen, Gefängnissen, ja sogar in Polizeiwachen aus.

Und neuerdings versuchen sie sich auch an Schulen… Da ihnen Leprakranke und Serienkiller nicht Erfolg versprechend genug sind, und sich nach dem Ende des Kapitalismus eh keiner mehr Urlaub leisten kann, wollen jetzt die Gideons ihren Samen in die jüngsten Glieder unserer Gesellschaft pflanzen. Seit einigen Jahren postieren sich Mitglieder vor Schulen und verteilen ihre kleinen, handlichen Taschenbibeln an Kinder.
In meinem Fall durfte sich jeder Schüler, der am Dienstag, dem 14.10.2008 die Schule XY betreten wollte, an fünf nett aussehenden, älteren Herren vorbei schlängeln, die sich zentral vor dem einzigen Eingang versammelt hatten, und bekam ein schönes Exemplar in die Hand gedrückt.

Man braucht keine göttliche Erleuchtung, um die absurde Logik, die hinter dieser Missionierungskampagne steckt, zu durchschauen.
Durch das Verteilen von Bibeln wird von der Gemeinde Gideons ganz bewußt versucht, auf die Gesinnung und Meinungsbildung Minderjähriger einzuwirken!
Sie wollen erreichen, dass Schüler sich das „Wort Gottes“ zu Gemüte führen um darin „Trost“ und „Erlösung“ zu finden. Mit anderen Worten: Missionieren bzw. Gehirnwäsche.
Dies ist umso verwerflicher, da die zum Teil erst 11-Jährigen im Gegensatz zu Älteren kaum eine Chance haben, sich vor Beeinflussung von Außerhalb durch rationales Denken zu schützen (in der Straßenbahn sah ich auch schon mal Kinder, die meiner Meinung nach gerade erst die vierte Klasse besuchten, mit den Bibeln in den Händen). So setzt sich die Schule sogar zum obersten Ziel, ihre Schützlinge zum Weiterdenken und Hinterfragen anzuregen, um eine freie Meinungsbildung zu ermöglichen, um nicht irgendwelchen Seelenfängern in die Falle zu geraten.
Auf die Frage hin, ob unsere Schulleitung diesen Vorgang zugelassen habe, versuchten die Verantwortlichen gar nicht erst zu leugnen, sondern spielten das ganze Geschehen herunter. So „könnten sie nichts Falsches darin sehen, dass jedes Kind das Wort Gottes in ihren Händen halte“.

Die Bibelverteilung der Gideons lässt unschwer Parallelen zu Praktiken (nicht unbedingt dem Medium) rechtsradikaler Vereinigungen erkennen, die auf demselben Weg ihr Gedankengut mit Hilfe von braunen Schulhof-CDs an Schüler bringen, um so ihr Denken zu beeinflussen.
Oder um ein etwas gemäßigteres Beispiel zu nehmen: Wie würden die Schulleiter reagieren, kämen einmal Zeugen Jehovas, um für die Verteilung des Leuchtturms zu werben?

Auch wenn es primär um die Handlungsweise geht, lassen die Vereinigung an sich und damit auch ihre Bücher genug Ansätze zur Kritik zu. So bezeichnen die Anhänger Gideons in der Präambel dieser Taschenbibel ihre Lehren als „göttlich, ihre Gebote bindend und ihre Berichte wahr.“. Auch behaupten sie, dass sich „der Verantwortung gegenüber den Aussagen der Bibel [keiner] entziehen“ kann. Wie war das noch einmal mit den Sekten…?
Aus feministischer Sicht lässt sich sagen, dass sich der Schwerpunkt der Arbeit auf die Männer bezieht, Frauen dürfen nur am Rande in einer eigenen Organisation mitwirken, ansonsten sollen sie doch immer schön nach der hl. Schrift leben und ihren Aufgaben im Haushalt nachkommen. Auf ihrer Website wird deshalb auch nur explizit der Mann erwähnt, der ein „immer mutigerer und fleißigerer Bekenner werde“.
Trotz der ausdrücklichen Empfehlung des Obersten der evangelischen Kirche in Deutschland, Huber, wird dem Gideonsbund auch Kontakte zu kreationistischen Kreisen zugesagt.

Zu guter letzt wird am Ende der Bibel dem Leser nahe gelegt zu bekennen, „dass [er] ein Sünder [ist]“ und Herrn Jesus Christus „jetzt an[nimmt] und ihn als [seinen] persönlichen Retter [anerkennt]“. Welcome to Heaven…


1 Antwort auf “Bibeln für das Volk”


  1. 1 Barbula 25. Oktober 2008 um 21:10 Uhr

    Hallo,

    sogar vor meiner Uni standen diese Leute. Schrecklich!

    Als ich in der 6. Klasse oder so war, hat uns sogar mal jemand im Religionsuntericht besucht, daher kenn ich die schon länger.

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