Das Grauen ganz nah

Anhand der Region Sachsen-Anhalt und Nordthüringen stellt der Blogger critique aujourd‘hui dar, worauf man nicht oft genug den Finger legen kann: das Vernichtungssystem der Nazis war nicht nur „irgendwo im Osten“, sondern auch mitten in der deutschen Provinz verortet, wo keiner davon gewusst haben will. Die hiesige Region hätte mit Sicherheit genausogut als Beispiel fungieren können, schließlich waren die Außenlager des KZ’s Dachau nahezu überall verteilt – sogar hier in Horgau-Bahnhof, wo man heute Minigolf spielen und Pony reiten kann. Auf wikipedia heißt es dazu sogar: „Mit 169 Außenkommandos war Dachau das am weitesten verzweigte Lager des nationalsozialistischen Regimes.“
Gerade hierauf sollte in der regionalen Gedenkpolitik viel mehr Aufmerksamkeit gelenkt werden, als er derzeit der Fall ist.1 An den Schulen gehört eine Fahrt nach Dachau zwar mittlerweile zum Standardprogramm, aber zu den nationalsozialistischen Aktivitäten vor Ort erfährt man recht wenig – und dieses wenige wird noch dazu oft noch wesentlich mehr verharmlost dargestellt, als dies auf ganz Deutschland bezogen der Fall ist. Klar, wenn die Erinnerungen an das ethische Versagen der Deutschen direkt vor Augen stehen, tut Verdrängung mehr Not, als wenn es sich um abstrakte politische Sachverhalte handelt.
Es ist ja auch nicht so, dass man sich generell wenig um Gedenk- und Geschichtspolitik kümmern würde. Selbst in Horgau gedenkt man bis heute den Gefallenen der Weltkriege und begeht alljährlich den Jahrestag der Horgauer Unabhängigkeit von Zusmarshausen*. Von Augsburg ganz zu Schweigen!

Ein weiteres wichtiges Kapitel in diesem Zusammenhang sind die Todesmärsche gegen Ende des 2. Weltkriegs, bei denen arbeitsfähige Häftlinge auch aus den Lagern in Polen bis in unsere Region verschleppt wurden. Ich selbst lernte einmal einen Überlebenden aus Auschwitz kennen, den es bis nach Regensburg und Passau verschlagen hat. Critique aujourd‘hui will darüber im nächsten Teil seiner Artikelreihe über die regionale Verstrickung des deutschen Kernlands in das Vernichtungssystem berichten. Man darf schon jetzt gespannt sein.

  1. Einen theoretischen und praktischen Beitrag dazu lieferte vor einem halben Jahr die „Alles Gute kommt von oben“-Demo. mehr dazu [zurück]

1 Antwort auf “Das Grauen ganz nah”


  1. 1 critiqueaujourdhui 29. Juli 2008 um 17:13 Uhr

    „Die hiesige Region hätte mit Sicherheit genausogut als Beispiel fungieren können…“ So soll es auch sein. Selbstverständlich hat es in vielen Regionen ähnlich ausgesehen.
    Mein Text ist auch nur total abrissartig und bedürfte sicherlich einem viel tieferen Eintauchens in die Thematik, dem Quellenmaterial, evtl. Zeitzeugen usw. .

    Grüße,

    Micha
    critiqueaujourdhui

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