Archiv für Juli 2008

Kommunismus

Wer einmal eine wirklich phantasievolle, aber dennoch theoretisch fundierte Einführung in die marxistische Kritik der kapitalistischen Gesellschaft lesen will, dem sei das insbesondere auch wegen seinen liebevollen Illustrationen sehr empfehlenswerte Buch „Kommunismus – Eine kleine Geschichte wie endlich alles anders wird“ von Bini Adamczak wärmstens an die Brust gedrückt. Wer zu faul ist, es zu lesen oder nicht genügend Geld bzw. keine Ausleihgelegenheit hat, kann es sich auch kostenlos im Internet auf dem Blog „Sammelsurium“ anhören. Und nicht vergessen: Die märchenhafte Form, ist die Form, die die reale Möglichkeit in der eindimensionalen Realität notwendig einnehmen muss (frei nach Marcuse*).

Das Grauen ganz nah

Anhand der Region Sachsen-Anhalt und Nordthüringen stellt der Blogger critique aujourd‘hui dar, worauf man nicht oft genug den Finger legen kann: das Vernichtungssystem der Nazis war nicht nur „irgendwo im Osten“, sondern auch mitten in der deutschen Provinz verortet, wo keiner davon gewusst haben will. Die hiesige Region hätte mit Sicherheit genausogut als Beispiel fungieren können, schließlich waren die Außenlager des KZ’s Dachau nahezu überall verteilt – sogar hier in Horgau-Bahnhof, wo man heute Minigolf spielen und Pony reiten kann. Auf wikipedia heißt es dazu sogar: „Mit 169 Außenkommandos war Dachau das am weitesten verzweigte Lager des nationalsozialistischen Regimes.“
Gerade hierauf sollte in der regionalen Gedenkpolitik viel mehr Aufmerksamkeit gelenkt werden, als er derzeit der Fall ist.1 An den Schulen gehört eine Fahrt nach Dachau zwar mittlerweile zum Standardprogramm, aber zu den nationalsozialistischen Aktivitäten vor Ort erfährt man recht wenig – und dieses wenige wird noch dazu oft noch wesentlich mehr verharmlost dargestellt, als dies auf ganz Deutschland bezogen der Fall ist. Klar, wenn die Erinnerungen an das ethische Versagen der Deutschen direkt vor Augen stehen, tut Verdrängung mehr Not, als wenn es sich um abstrakte politische Sachverhalte handelt.
Es ist ja auch nicht so, dass man sich generell wenig um Gedenk- und Geschichtspolitik kümmern würde. Selbst in Horgau gedenkt man bis heute den Gefallenen der Weltkriege und begeht alljährlich den Jahrestag der Horgauer Unabhängigkeit von Zusmarshausen*. Von Augsburg ganz zu Schweigen!

Ein weiteres wichtiges Kapitel in diesem Zusammenhang sind die Todesmärsche gegen Ende des 2. Weltkriegs, bei denen arbeitsfähige Häftlinge auch aus den Lagern in Polen bis in unsere Region verschleppt wurden. Ich selbst lernte einmal einen Überlebenden aus Auschwitz kennen, den es bis nach Regensburg und Passau verschlagen hat. Critique aujourd‘hui will darüber im nächsten Teil seiner Artikelreihe über die regionale Verstrickung des deutschen Kernlands in das Vernichtungssystem berichten. Man darf schon jetzt gespannt sein.

  1. Einen theoretischen und praktischen Beitrag dazu lieferte vor einem halben Jahr die „Alles Gute kommt von oben“-Demo. mehr dazu [zurück]

Ideologiekritiker wissen’s besser

Egal ob man das immer noch sehr empfehlenswerte Aufbaustrategiespiel „Herrscher des Olymp – Zeus“ kennt oder nicht: den Machern ist darin bei der Wirtschaftssimulation ein ziemlich ulkiger Fehler unterlaufen, der mir trotz mehrjähriger Kenntnis des Spiels erst heute aufgefallen ist und einer Erwähnung allemal wert ist.
Zur kurzen Erklärung: in dem Spiel geht es darum, eine antike Polis mit Militär, Häusern, Tempeln, etc. aufzubauen. Um Arbeiter für seine Wirtschaft zu kriegen, muss man erst Wohnsiedlungen errichten, in denen die Leute leben und ihnen zusätzlich einen Lohn zahlen. Die Anzahl der Arbeitskräfte im Verhältnis zur ganzen Bevölkerungszahl lässt sich nun variieren. Man kann also wenn man z.B. 2500 Einwohner hat entweder 1000 oder 1200 von ihnen zur Arbeit bewegen. Das Instrument dazu ist die Lohnhöhe. Erhöht man den Lohn, wächst die Anzahl der relativ zur Gesamtbevölkerung beschäftigten. Soweit so gut, das sind die Rahmenbedingungen die das Spiel vorgibt und die man nicht ändern kann. Man kann sich jedoch trotzdem fragen warum das überhaupt so ist.

Die Überlegung der Macher muss in etwa folgende gewesen sein1: wenn die Löhne steigen wird der Anreiz, zu arbeiten größer und mehr Leute tun’s. Dieser Gedankengang wirkt auf den ersten Blick logisch – es ist ja rational, erst anfangen zu arbeiten, wenn die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung einigermaßen tauglich sind. Vorausgesetzt, die Arbeitslosigkeit wäre ein reines Motivationsproblem, könnte man sie dann ganz einfach beheben, indem man die Löhne ansteigen lässt.
Paradoxerweise sieht es in der Realität allerdings genau andersherum aus: gäbe es eine direkte Planwirtschaft wie in „Herrscher des Olymp – Zeus“ müsste der Staat die Löhne senken und nicht erhöhen, um mehr Leute zum arbeiten zu bewegen. Denn wenn die Löhne hoch sind, muss in einem 5-Personenhaushalt z.B. nur einer arbeiten gehen. Sinken sie aber, müssen, um den Lebensstandard zu halten, irgendwann mehr Personen arbeiten. Die Wirtschaft funktioniert eben in erster Linie mit Zwängen und nicht mehr Anreizen, auch wenn es im Computerspiel anders erscheint.

Aber in der kleinen, feinen Welt von „Herrscher des Olymp – Zeus“ gibt es noch ganz andere Ungereimtheiten. So sind z.B. ab einem gewissen Entwicklunsgrad der Stadt die Steuereinnahmen stets höher als die Ausgaben für die Löhne. Die Bürger zahlen also mehr Steuern, als sie Geld bekommen und sind trotzdem mega zufrieden mit der Stadt. Das ist doch mal „Frag nicht, was der Staat für dich tun kann, sondern was du für den Staat tun kannst“ in Reinstform! Wieso können die Leute in der Realität nicht auch so selbstlos sein!

  1. Von die Spielbalance betreffenden Überlegungen wird an dieser Stelle abgesehen, sondern so getan, als wäre es das primäre Ziel eines Aufbaustrategiespiels, eine glaubwürdige Wirtschaft zu simulieren. [zurück]

Die Post ist da

Im Rahmen der allgemeinen Rekrutierungskampagne der Bundeswehr finden junge Männer derartiges „Info“material in ihrem Briefkasten:

Seite 1
Seite 2

Was gibt es daran nun zu kritisieren?

Nun, eigentlich nichts, denn Werbung zeichnet sich ja generell nicht durch große Ehrlichkeit aus, selbst wenn es sich um solche von einer staatlichen Institution handelt. Immerhin wird sich ja wohl jeder vorstellen können, dass der Alltag in der Bundeswehr etwas weniger idyllisch, als in dem Schreiben beschrieben aussehen wird.
Zudem braucht jeder Staat nunmal eine Armee. Auch wenn man sich darüber streiten kann, wie groß diese sein mag und welchen Aufgaben sie dienen muss, ist es zwingend erforderlich, dass sie zumindest ausreicht, das Staatsgebiet gegen mögliche Angriffe abzusichern – ihre Größe muss sich also an der Größe der Armeen der Nachbarstaaten ausrichten.
Auch wenn das ein wenig überholt klingen mag, da Deutschland ja keinen feindlichen Nachbarstaat hat, ist dies dennoch das Kriterium, dem jede Armee unterliegt. Ansonsten wäre es ja auch ziemlich seltsam, dass ausgerechnet die neutrale Schweiz soviel Wert auf ihr Militär legt – der Witz ist, dass sie sich ja gerade wegen ihrer Neutralität besonders schützen muss. Hätte sie keine, könnten ja theoretisch einfach Deutschland, Frankreich und Italien daherkommen und die ungeschützte Schweiz unter sich aufteilen. Oder sie zumindest zwingen, doch der EU und der NATO beizutreten. In der Tat kam es 1914 und 1939 jeweils zu einer Generalmobilmachung der Schweizer Armee, um zu demonstrieren: ihr könnt gerne Krieg führen, aber macht euch auf was gefasst, wenn ihr gegen uns ziehen wollt.
Im deutschen Grundgesetz finden sich dementsprechend den sehr umfangreichen Artikel 115, die ganz genau regeln, wie das Staatswesen im Verteidigungsfall zu koordinieren ist. Desweiteren gibt es, die Bundeswehr betreffend, u.a. den Artikel 87. In Artikel 87 a, Abschnitt 4 wird auf eine weitere Funktion der Bundeswehr hingewiesen: „Zur Abwehr einer drohenden Gefahr für den Bestand der freiheitlich demokratischen Grundordnung des Bundes oder eines Landes kann die Bundesregierung […] Streitkräfte zur Unterstützung der Polizei und des Bundesgrenzschutzes beim Schutze von zivilen Objekten und bei der Bekämpfung organisierter und militärisch bewaffneter Aufständischer einsetzen.“ Der Staat muss also prinzipiell nicht nur in der Lage sein, sich gegen äußere Bedrohungen, sondern auch, sich gegen sein eigenes Staatsvolk zur Wehr setzen zu können, wenn es ihn abschaffen will. Im Notfall wird da nicht lang gefackelt und auch hierzulande die Panzer aus den Kasernen gelassen. Man sieht: der Staat ist nicht dumm.1

Man muss sich anders herum einmal vorstellen, was mit Deutschland wäre, gäbe es keine Bundeswehr. Der deutsche Staat müsste dann, vorausgesetzt, die Polizei wäre nicht militärisch organisiert, ständig befürchten, irgendein Mob bewaffnet sich und stürmt staatliche Einrichtungen. Und ihre internationalen Interessen könnte die Bundesrepublik auch ziemlich vergessen. Wer nimmt in der Weltpolitik schon ein Land Ernst, das kein eigene Armee hat? Zudem ist die Bundeswehr ein wichtiger Wirtschaftsmotor: sie schafft und erhält direkt und indirekt viele tausende Arbeitsplätze.

Wieso sollte diese supertolle Institution nun nicht Werbung dafür machen dürfen, bei ihr eine Karriere zu beginnen?

  1. Eine Randbemerkung: die Schweizer Armee wurde in ihrer Geschichte bisher dreimal „richtig“ eingesetzt: 1975 und 1918 gegen streikende Arbeiter und 1932 gegen streikende Antifaschisten mit jeweils mehreren Toten. Eine komplette Liste der Aktivitäten der Schweizer Armee findet sich hier.[zurück]

Das Kapital

Wer einen schnellen Überblick darüber haben will, was Marx auf den gut 1000 Seiten des ersten Bands der „Kritik der politischen Ökonomie“ eigentlich alles so an dieser Wissenschaft – der direkten Vorläuferin der heutigen VWL – und an der „warenproduzierenden Gesellschaft“ so alles zu kritisieren hat, dem sei diese Rezension des Buches, die Friedrich Engels 1868 für das „Demokratische Wochenblatt“ verfasste, wärmstens an den Kopf gelegt. Und auch aus historischem Interesse enthält sie einige interessante Punkte.

Wenn man den Ausdruck „Taler“ durch „Euro“ ersetzt und andere historische Spezifika weglässt, wird man schnell feststellen, wie wenig sich in mancher Beziehung seit 140 Jahren geändert hat.

***

Das Kapital

I

Solange es Kapitalisten und Arbeiter in der Welt gibt, ist kein Buch erschienen, welches für die Arbeiter von solcher Wichtigkeit wäre, wie das vorliegende. Das Verhältnis von Kapital und Arbeit, die Angel, um die sich unser ganzes heutiges Gesellschaftssystem dreht, ist hier zum ersten Mal wissenschaftlich entwickelt, und das mit einer Gründlichkeit und Schärfe, wie sie nur einem Deutschen möglich war. Wertvoll wie die Schriften eines Owen, Saint-Simon, Fourier sind und bleiben werden – erst einem Deutschen war es vorbehalten, die Höhe zu erklimmen, von der aus das ganze Gebiet der modernen sozialen Verhältnisse klar und übersichtlich daliegt, wie die niederen Berglandschaften vor dem Zuschauer, der auf der höchsten Kuppe steht. (mehr…)

Die Klassiker des Liberalismus

Die wahre Freude eines ermüdeten Lesers des „Kapitals“ von Karl Marx* sind die Fußnoten. Dort findet sich z.B. im Kapitel „Der sogenannte Arbeitsfond“ folgende Passage zum sympathischen Vordenker des Liberalismus wie der modernen Disziplinargesellschaft, Jeremias Bentham, der vielen aus dem Ethik- bzw. Religionsunterricht bekannt sein dürfte.
Sie ist nicht nur schön polemisch, sondern enthält in der Tat eine recht gute Kritik am Utilitarismus bzw. am bürgerlichen Alltagsdenken allgemein, die einer Zitation wert ist.

Aber dieses Vorurteil ward erst zum Dogma befestigt durch den Urphilister Jeremias Bentham, dies nüchtern pedantische, schwatzlederne Orakel des gemeinen Bürgerverstands des 19. Jahrhunderts. Bentham ist unter den Philosophen, was Martin Tupper unter den Dichtern. Beide waren nur in England fabrizierbar.

Jeremias Bentham ist ein rein englisches Phänomen. Selbst unsern Philosophen Christian Wolff nicht ausgenommen, hat zu keiner Zeit und in keinem Land der hausbackenste Gemeinplatz sich jemals so selbstgefällig breit gemacht. Das Nützlichkeitsprinzip war keine Erfindung Benthams. Er reproduzierte nur geistlos, was Helvetius und andre Philosophen des 18. Jahrhunderts geistreich gesagt hatten. Wenn man z.B. wissen will, was ist einem Hund nützlich?, so muß man die Hundenatur ergründen. Diese Natur selbst ist nicht aus dem „Nützlichkeitsprinzip“ zu konstruieren. Auf den Menschen angewandt, wenn man alle menschliche Tat, Bewegung, Verhältnisse usw. nach dem Nützlichkeitsprinzip beurteilen will, handelt es sich erst um die menschliche Natur im allgemeinen und dann um die in jeder Epoche historisch modifizierte Menschennatur. Bentham macht kein Federlesens. Mit der naivsten Trockenheit unterstellt er den modernen Spießbürger, speziell den englischen Spießbürger, als den Normalmenschen. Was diesem Kauz von Normalmenschen und seiner Welt nützlich, ist an und für sich nützlich. An diesem Maßstab beurteilt er dann Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Z.B. die christliche Religion ist „nützlich“, weil sie dieselben Missetaten religiös verpönt, die der Strafkodex juristisch verdammt. Kunstkritik ist „schädlich“, weil sie ehrbare Leute in ihrem Genuß an Martin Tupper stört usw. Mit solchem Schund hat der brave Mann, dessen Devise: „nulla dies sine linea“ [kein Tag ohne geschriebene Zeile], Berge von Büchern gefüllt. Wenn ich die Courage meines Freundes H. Heine hätte, würde ich Herrn Jeremias ein Genie in der bürgerlichen Dummheit nennen.

Aus: Marx, Karl: Das Kapital Bd. 1; Dietz Verlag; Berlin, 1957; S. 640/Anm. 63.

Zur Demonstration der Intelligenz dieses Mannes sei hier noch ein paar seiner „lineae“ zitiert, die frapide an die geistigen Hochleistungen heutiger Liberaler erinnert:

Hier möchte ich mit einem gefühlvollen, mitleidigen Freund einen Waffenstillstand schließen, wenn ich eine so aufs Geld ausgerichtete Sprache rede. Ich tue es notgedrungen und möchte auch die Menschheit dazu auffordern, es nur notgedrungen zu tun. Das Thermometer ist das Instrument, um draußen die Temperatur zu messen; das Barometer ist das Instrument, um den Luftdruck zu messen. Wer mit der Genauigkeit dieser Instrumente nicht zufrieden ist, muß andere zu finden suchen, oder er muß der Naturwissenschaft Lebewohl sagen. Das Geld ist das Instrument, um die Menge des Schmerzes oder der Lust zu messen. […] Daher sollte niemand erstaunt oder empört sein, wenn er findet, daß ich in dieser Arbeit alles am Geldwert messe[.]

Aus: Bentham, Jeremy (1981, zuerst 1843) : Zur Philosophie der ökonomischen Wissenschaft; in: Gall Lothar/Koch, Rainer (Hrsgb.): Der europäische Liberalismus im 19. Jahrhundert; S. 269
Zitiert nach: Kurz, Robert: Schwarzbuch Kapitalismus; Ullstein Verlag, 2003; S. 88 f.

Leitkultur?

Für deutsche Fans des Superstars: madonna.de.

Kritische Reporter decken auf

So harmlos präsentiert sich die Lustige-Mützen-Garde des Buckingham-Palasts nach außen:

(Gut ist auch dieses Video, das man leider nicht direkt posten kann.)

Doch hinter den Kulissen erklingen ganz andere Töne:

Welche Allegorie auf unser gesellschaftliches Gesamtsystem!

Sozialtechnologie

Zur Lage der Sozialwissenschaft heute.
Da bleibt einem als Kommentar eigentlich nur: „Scheißpositivismus“ (Karl Marx über Auguste Comte, Vordenker jener „Wissenschaft“)




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