Argumente gegens Feiern

Zur Kritik am Kult der Meister-, der zugleich ein Kult der Herrschaft ist.

Egal, wie das heutige Spiel Deutschland gegen Österreich ausgehen mag: dieses Jahr hat der kollektive Wahnsinn anlässlich eines sportlichen Großereignisses offensichtlich eine neue Qualität erreicht. War es bei der WM 2006 noch so, dass die „Party-Stimmung“ teilweise recht zögerlich anlief, so waren diesmal bereits Wochen vor der EM die ersten Fähnchen zu sehen. Auch die kommerzielle Vermarktung scheint ausgeklügelter zu sein: diverse Märkte bedenken ihre Kunden mit Rabatten, wenn Deutschland ein Tor schießt, und selbst noch auf Zigarettenpackungen glänzt die deutsche Trikolore. Das alltägliche Gespräch ist ebenfalls absolut fußballdominiert: statt übers Wetter redet man, wenn man nichts Besseres weiß, einfach über die letzten Spielergebnisse. Dennoch habe ich zumindest nicht das Gefühl, dass sich der Party-Sommer wirklich wiederholen wird. Wahrscheinlich bemüht man sich einfach zu sehr, ihn zu wiederholen, als dass es funktionieren könnte. Und außerdem ist die „WM 2006“ ohnehin eher ein von interessierten Kreisen kreierter Mythos, der wenig mit der Realität der meisten Menschen zu tun hat. Wie bei einem belanglosen Familienfest, von dem man noch nach Jahren berichtet, obwohl es ein Viertel der Besucher zum Kotzen und ein Drittel langweilig fand.


Die Wut darüber, dass man in der prallen Sonne neben nach Schweiß stinkenden Idioten stehen „muss“, die man nicht zeigen geschweige denn fühlen darf, entlädt sich projektiv am Schiedsrichter.

Das Gefühl, dass die Leute anlässlich der EM, aber auch schon zur WM 2006, permanent mit einem Mythos von ihrem eigenen Verhalten, der dann wiederum in mythischer Form zur Wirklichkeit wird, konfrontiert werden, verwiese zumindest darauf, dass das ganze Spektakel eine ziemliche Inszenierung ist, in der noch jeder, der auch nur im Smalltalk das schlechte Spiel der Deutschen im letzten Spiel erwähnt, seine Rolle spielt. Wenn dem so ist, dann würde die in der Linken übliche Kritik am Nationalismus des fahnenschwenkenden Mobs am Wesenskern der Sache meilenweit vorbeischrammen – denn das ginge es nicht nur darum, dass sich Staatsbürger in entpolitisierter Form für ihren Staat begeistern, sondern vielmehr darum, dass in solchen Trends die Selbstentfremdung* der Menschen, ohne dass sie sich, aus wiederum der Sache selbst immanenten* Gründen, dessen auch nur für einen Moment bewusst würden, zur Perfektion getrieben wird.

Vom Nationalismus der alten Form ist der neue, wenn er denn überhaupt so massenhaft auftritt, wie oft behauptet wird (in Wahrheit haben höchstens 10% der Menschen eine Deutschlandflagge an Fahrzeug oder Haus), schon allein wegen dieser entpolitisierten Form wesentlich unterschieden. Gleichzeitig geht es in ihm bereits auf sprachlicher Ebene, wenn z.B. permanent nicht von „der deutschen“ sondern „unserer“ Mannschaft die Rede ist, durchaus nicht nur um Fußball, sondern in der Tat um die Konstruktion eines Kollektivs, dass mit anderen Kollektiven in Konkurrenz tritt. In diesem ganzen Diskurs wird zwischen einzelnen Individuen und Kollektiven eben überhaupt kein Unterschied gemacht. Nicht die polnische Nationalmannschaft, sondern „die Polen“ stehen auf dem Platz. Indem das vereinzelte Individuum, der Fan „seiner“ Mannschaft, so an dieser virtuell direkt partizipiert, wird gerade dessen Vereinzelung virtuell aufgehoben und sein objektiv dummes Handeln – Geld für Fan-Accessoires, die er nur alle paar Jahre benutzen kann z.B. – eine virtuelle Rationalität und Sinnhaftigkeit verliehen. Dabei kann man ruhig von der WM abstrahieren – eigentlich funktioniert die gesamte Massensportkultur nach diesem ans Mittelalter erinnernden Mystifizierung des individuellen Handelns bzw. eigentlich fußt ein guter Teil des gewöhnlich bürgerlichen Alltagsbewusstsein und –handelns auf derartigen Halluzinationen. Etwa wenn in der „Du bist Deutschland“-Kampange der Einzelne mit einem Schmetterling, der einen Wirbelsturm auslöst, verglichen wird. Um es auf den Punkt zu bringen: jemand, der etwa einbildet, Kontakt mit höheren Mächten zu haben, die zu ihm sprechen und eine Mission verleihen (z.B., jemanden umzubringen), wird in dieser Gesellschaft höchstwahrscheinlich in der Psychiatrie gesteckt und mit Beruhigungsmitteln voll gepumpt. Sich einzubilden, von seinen Anfeuerungsrufen vor dem Fernseher hinge der Erfolg von 11 Fußballern ab, gilt hingegen als normales und gar wünschenswertes Verhalten.


Während die Großen infantil werden, fühlt sich der Kleine ganz groß.

Gleichzeitig ist es natürlich nicht so, dass die Leute, denen das runde Leder heilig ist, sich den Spaß den sie haben und das gute Gefühl, „dabei zu sein“, nur einbilden würden. Das haben sie natürlich und dagegen kann man auch erstmal nichts sagen, solange ihre Identifikation mit der eigenen Mannschaft nicht soweit geht, dass sie diejenigen, gegen die „wir“ gespielt haben, also etwa die Italiener, nach dem Spiel mal ordentlich verprügelt, wie es nach dem Halbfinale 2006 ja in zahlreichen Fällen der Fall war und was nach der oben entwickelten Logik eines Fußballfans (italienische Mannschaft = Italien) ja auch durchaus „rational“ ist. Doch ob irgendjemand bei irgendeiner blöden Sache Spaß hat, ist vielleicht ein Maßstab des bürgerlich-pragmatischen Denkens, aber kein Maßstab der (kritischen) Vernunft.

Die vereinzelten Individuen sehnen sich also nach sinnhaftem Handeln, Mythos, Kollektivität und danach, dass überhaupt mal etwas passiert, und finden eine sehr gute Antwort auf diese Suche in Massenveranstaltungen wie eben der EM. Gleichzeitig bleiben all diese Bedürfnisse objektiv unerfüllt, ihre Erfüllung findet nur in der Imagination statt, auch wenn sie sich temporär (etwa beim „Public Viewing“) realisieren mag. So ist die ganze Mühsal zu erklären, die mit der Aktivierung der Massen verbunden ist, aber auch die gezwungene Feuchtfröhlichkeit in vielen Biergärten. So richtig in Ekstase über „unser“ neues Tor gerät man halt doch erst nach dem dritten Bier.


Die verzückte Jungfrau.

Zugleich wäre es verkehrt, den gewaltigen Einfluss, den kommerzielle Interessen auf das ganze Spektakel haben, zu unterschätzen. Fußball ist eben mehr als ein bloßer Sport, sondern Teil einer gigantischen Verwertungskette, die immer absurdere Züge annimmt (s.o.). Die Fußball-Manie kann schon allein aus diesem Grund nicht als spontaner Ausdruck irgendwelcher a priori vorhandener Bedürfnisse gesehen werden, sondern als Produkt einer perfektionierten Verzahnung verschiedener Manipulationsmechanismen, die dann letztendlich dazu führen, dass den Menschen ihr irres Verhalten als völlig selbstverständlich erscheint, während es geradezu befremdlich wirkt, wenn sich jemand – noch dazu als Mann (!) – überhaupt nicht für Fußball interessiert. Während sich die Leute also einbilden, im Fußball all das kompensieren zu können, was ihnen diese Gesellschaft nicht zu bieten vermag, und vielleicht sogar eine gewisse Autonomie vermuten, werden sie selbst zum Teil einer Verwertungskette und reproduzieren genau den Scheiß, dem sie eigentlich zu entfliehen suchen. Sie sind vielleicht da am meisten Objekte heteronomer Kontrollmechanismen, wo sie sich eigentlich am freiesten fühlen.

Zugleich tauchen die durchaus auf eine andere Gesellschaft als den Kapitalismus verweisenden Bedürfnisse, die im Fußball zu Tage treten (etwa das nach einem Ende der Vereinzelung), selbst nur noch in vollkommen entstellter Form auf und werden von immanenten Bedürfnissen wie dem nach Erfolg in der Konkurrenz, die doch wiederum auf Vereinzelung basiert, überlagert. In der Struktur des Fußballspiels wird im Gegenteil so etwas wie ein mythisches Bild des Lebens im Kapitalismus gegeben, das den Leuten perfiderweise als Genuss dient. Konkurrenz, Durchsetzungsfähigkeit, Maskulinität, Unterordnung ins „Team“ etc.pp. sind gleichsam in der verkorksten Wunschwelt wie in der Realität der Zuschauer zu Hause. Indem sich der Zuschauer ihnen in mythischer Form ausliefert, kann er sich im Alltag besser ertragen. Es sind in seinen Augen keine abzuschaffenden Scheußlichkeiten, sondern ewige Wahrheiten wie die Rivalität zwischen Holland und Deutschland. In affirmativen Kulturereignissen kommen die Menschen eben zu keiner Erkenntnis über irgendeine Sache, sondern werden von den Dingen, wie sie sind, geradezu fortgerissen. So etwas wie eine kritische Distanz ist weder erwünscht noch entspricht sie den Wünschen des Publikums. Ein Tor der favorisierten Mannschaft führt ebenso unmittelbar zu Jubelausbrüchen wie ein Tor der gegnerischen zu Wut (bei Männern) oder Tränen (bei Frauen)2. Dies ist dann eben nicht die Tragik, die darin besteht, dass es in dieser Welt immer Verlierer und Gewinner gibt, ohne dass der Einzelne daran etwas ändern könnte, wie sie in so vielen Kunstwerken formuliert wird, sondern die Wut/Trauer entspringt einer ganz platten Identifikation mit dem Geschehen. Während das Kunstwerk zwar mit dem Fußballspiel darin übereinstimmt, das zur Schau gestellte Leiden als eigen Mythos, als unentrinnbares Schicksal zu inszenieren, und darin affirmativ ist, so gibt es dennoch einen richtigen Eindruck von der Welt, der, in reflektierter Form, zu einer richtigen Erkenntnis über sie führen kann (auch wenn diese Erkenntnis dem zuvor gewonnen Eindruck widerspricht)1.

Im Fußball wird jedoch dem Fan, wie er sich durchschnittlich verhält und das Geschehene rezipiert – er rezipiert es so, wie es ihm von der rezipierten Sache selbst nahe gelegt wird, nämlich nicht distanziert, sondern identifikatorisch – weder das eine noch das andere nahe gelegt. Er ist also Teil einer affirmativen Kultur, die dahin tendiert, jeden Widerspruch gegen die Gesellschaft einzuebnen, während die Kunst in früherer Zeit bis zu einem gewissen Grad stets ein Ort der Distanz vom allgemeinen Weltlauf war, die eben die Voraussetzung für Subversion darstellt.

Ein vorsokratischer Philosoph traf einst die Wertschätzung, dass bei den olympischen Spielen der Händler am schlechtesten sei, der Spieler am zweitschlechtesten und der Zuschauer am besten, da er in Distanz des Zuschauers eben eine ethische Qualität, ein Vorrecht sah. Heute würde er wahrscheinlich die olympischen Spiele als Ganzes ablehnen.


Stimmt, wenn es einem schlecht geht hat man immer jemanden zum Reden. Gut, dass wir von adidas darüber informiert werden, dass unsere subjektiven Eindrücke schon immer falsch waren.

Nachträge:

Jemand, der anderer Meinung ist, entschuldigt sich für seine Gedankenverbrechen.

Der Focus phantasiert vom „linken Wirr-Gefühl“ und von der schwarz-rot-goldenen Flagge als freiheitlichem Symbol (vgl. letzter Beitrag).

Vielleicht bei der nächsten Wahl doch die Grünen wählen?

Oder andere Konsequenzen ziehen?

  1. Wenn hingegen Freude zum Ausdruck kommt, dann ist es nicht, wie noch in der primitivsten Komödie, etwa die Freude darüber, einer Gefahr entronnen zu sein, sondern das Wohlbehagen an der Niederlage des Anderen. [zurück]
  2. Diese geschlechtsspezifischen Zuschreibungen sollen nur die herrschenden Stereotypen verdeutlichen. In Wahrheit ist es natürlich nicht ganz so, und im Fußball ist es okay, wenn auch der Mann mal heult und auch Frauen dürfen aggressiv werden (siehe obiges Bild). [zurück]




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