Archiv für Juni 2008

Aus aktuellem Anlass

Vier Jahre lang kämpfte Deutschland zu Lande, zu Wasser und in der Luft gegen die fünf Kontinente der Erde. Deutsche Armeen hielten die wankenden Verbündeten aufrecht, intervenierten auf jedem Kriegsschauplatz mit Erfolg, standen überall auf erobertem Boden und brachten ihren Gegnern Blutverluste bei, doppelt so schwer als jene, die sie selber erlitten. Um die Macht ihrer Wissenschaft und Wut zu brechen, war es notwendig, alle großen Nationen der Menschheit gegen sie ins Feld zu bringen. Überwältigende Bevölkerungszahlen, unbekannte Hilfsmittel, unerhörte Opfer, die Blockade zur See konnte fünfzig Monate lang sie nicht bezwingen. Kleine Staaten wurden im Kampfe niedergetrampelt; ein mächtiges Reich zerschlagen, in unkenntliche Fragmente aufgelöst; nahezu 20 Millionen Menschen starben oder vergossen ihr Blut, bevor das Schwert dieser furchtbaren Hand entwunden war. Deutschland, das ist genug für die Geschichte!

Winston Churchill über den ersten Weltkrieg.

Argumente gegens Feiern

Zur Kritik am Kult der Meister-, der zugleich ein Kult der Herrschaft ist.

Egal, wie das heutige Spiel Deutschland gegen Österreich ausgehen mag: dieses Jahr hat der kollektive Wahnsinn anlässlich eines sportlichen Großereignisses offensichtlich eine neue Qualität erreicht. War es bei der WM 2006 noch so, dass die „Party-Stimmung“ teilweise recht zögerlich anlief, so waren diesmal bereits Wochen vor der EM die ersten Fähnchen zu sehen. Auch die kommerzielle Vermarktung scheint ausgeklügelter zu sein: diverse Märkte bedenken ihre Kunden mit Rabatten, wenn Deutschland ein Tor schießt, und selbst noch auf Zigarettenpackungen glänzt die deutsche Trikolore. Das alltägliche Gespräch ist ebenfalls absolut fußballdominiert: statt übers Wetter redet man, wenn man nichts Besseres weiß, einfach über die letzten Spielergebnisse. Dennoch habe ich zumindest nicht das Gefühl, dass sich der Party-Sommer wirklich wiederholen wird. Wahrscheinlich bemüht man sich einfach zu sehr, ihn zu wiederholen, als dass es funktionieren könnte. Und außerdem ist die „WM 2006“ ohnehin eher ein von interessierten Kreisen kreierter Mythos, der wenig mit der Realität der meisten Menschen zu tun hat. Wie bei einem belanglosen Familienfest, von dem man noch nach Jahren berichtet, obwohl es ein Viertel der Besucher zum Kotzen und ein Drittel langweilig fand.


Die Wut darüber, dass man in der prallen Sonne neben nach Schweiß stinkenden Idioten stehen „muss“, die man nicht zeigen geschweige denn fühlen darf, entlädt sich projektiv am Schiedsrichter.

Das Gefühl, dass die Leute anlässlich der EM, aber auch schon zur WM 2006, permanent mit einem Mythos von ihrem eigenen Verhalten, der dann wiederum in mythischer Form zur Wirklichkeit wird, konfrontiert werden, verwiese zumindest darauf, dass das ganze Spektakel eine ziemliche Inszenierung ist, in der noch jeder, der auch nur im Smalltalk das schlechte Spiel der Deutschen im letzten Spiel erwähnt, seine Rolle spielt. Wenn dem so ist, dann würde die in der Linken übliche Kritik am Nationalismus des fahnenschwenkenden Mobs am Wesenskern der Sache meilenweit vorbeischrammen – denn das ginge es nicht nur darum, dass sich Staatsbürger in entpolitisierter Form für ihren Staat begeistern, sondern vielmehr darum, dass in solchen Trends die Selbstentfremdung* der Menschen, ohne dass sie sich, aus wiederum der Sache selbst immanenten* Gründen, dessen auch nur für einen Moment bewusst würden, zur Perfektion getrieben wird.

Vom Nationalismus der alten Form ist der neue, wenn er denn überhaupt so massenhaft auftritt, wie oft behauptet wird (in Wahrheit haben höchstens 10% der Menschen eine Deutschlandflagge an Fahrzeug oder Haus), schon allein wegen dieser entpolitisierten Form wesentlich unterschieden. Gleichzeitig geht es in ihm bereits auf sprachlicher Ebene, wenn z.B. permanent nicht von „der deutschen“ sondern „unserer“ Mannschaft die Rede ist, durchaus nicht nur um Fußball, sondern in der Tat um die Konstruktion eines Kollektivs, dass mit anderen Kollektiven in Konkurrenz tritt. In diesem ganzen Diskurs wird zwischen einzelnen Individuen und Kollektiven eben überhaupt kein Unterschied gemacht. Nicht die polnische Nationalmannschaft, sondern „die Polen“ stehen auf dem Platz. Indem das vereinzelte Individuum, der Fan „seiner“ Mannschaft, so an dieser virtuell direkt partizipiert, wird gerade dessen Vereinzelung virtuell aufgehoben und sein objektiv dummes Handeln – Geld für Fan-Accessoires, die er nur alle paar Jahre benutzen kann z.B. – eine virtuelle Rationalität und Sinnhaftigkeit verliehen. Dabei kann man ruhig von der WM abstrahieren – eigentlich funktioniert die gesamte Massensportkultur nach diesem ans Mittelalter erinnernden Mystifizierung des individuellen Handelns bzw. eigentlich fußt ein guter Teil des gewöhnlich bürgerlichen Alltagsbewusstsein und –handelns auf derartigen Halluzinationen. Etwa wenn in der „Du bist Deutschland“-Kampange der Einzelne mit einem Schmetterling, der einen Wirbelsturm auslöst, verglichen wird. Um es auf den Punkt zu bringen: jemand, der etwa einbildet, Kontakt mit höheren Mächten zu haben, die zu ihm sprechen und eine Mission verleihen (z.B., jemanden umzubringen), wird in dieser Gesellschaft höchstwahrscheinlich in der Psychiatrie gesteckt und mit Beruhigungsmitteln voll gepumpt. Sich einzubilden, von seinen Anfeuerungsrufen vor dem Fernseher hinge der Erfolg von 11 Fußballern ab, gilt hingegen als normales und gar wünschenswertes Verhalten. (mehr…)

Schwarz-Rot-Gold im deutschen Liedgut

Seit zwei Jahrhunderten bedienten sich kreative Köpfe der jeweiligen Sprache ihrer Zeit, um dem anscheinend zeitlosen Gefühl ihrer tiefen emotionalen Bindung an die heimatliche Scholle Ausdruck zu verleihen. Einige Beispiele aus dem Bereich der Liedtexterei:

Schwarz-Rot-Gold sind meine Landesfarben,
dunkler Nacht folgt gold’nes Morgenrot.
Für Alldeutschland Waldecks Söhne starben,
deutsche Treu’ bewahrend bis zum Tod.

(aus dem Lied „Mein Waldeck“, frühes 19. Jh.)

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Zur Psychologie des Patriotismus

Wenn man selbst grau ist, hat man es wohl nötig, sich mit den Farben eines Kollektivs zu schmücken. Naja, wenigstens ist der Blick selbstbewusst stur gen Zukunft gerichtet, zur Sonne, zur Freiheit.

Zommunismus

In einem sehr informativen Interview informiert (dreifache Alliteration, olè!) der aka aua über die neuste unter den neuen linken Strömungen, den „Zommunismus“. Wir diskutieren noch heftig über unsere Position zu diesem neuartigen Phänomen und schweigen deshalb betreten.




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