Einer für Diesel, Diesel für alle

Der Lokalpatriotismus steht derzeit hoch im Kurs in Ausgburg. Spätestens, seitdem der FCA in die 2. Bundesliga aufstieg, rennt man jeden zweiten Samstag ins Stadion, das Werbelabel „Friedensstadt“ wirbt um leichtgläubige Kundschaft und zahlreiche Jubiläen verweisen auf die historische Bedeutung unserer Metropole. Man denke nur an die Bertold-Brecht-Festivals, die Zarensilber-Ausstellung oder ein neuerliches Kuriosum vor Heimatstolz nur so triefender Erinnerungskultur: die in zahlreichen Kneipen kostenlos ausliegende „Jubiläumsschrift“ „Augsburg feiert – 150 Jahre Rudolf Diesel“.

Wer denkt, er würde in diesem Heft interessante Fakten rund um den berühmten Erfinder des Dieselmotors erfahren, der sollte von ihm lieber die Finger lassen. Denn höchstens ein Zehntel der zahlreichen Beiträge handeln von Rudolf Diesel selbst. Das wird schon im noch von Paul Wengert (wahrscheinlich eine seiner letzten Amtshandlungen) verfassten Vorwort deutlich. Dort heißt es: „Rudolf Diesels 150. Geburtstag zu feiern, ist für Augsburg gleichermaßen eine Pflicht wie eine Ehre. Vor allem aber ist es eine Chance für die Standortwerbung.“ Und später: „Rudolf Diesel hat in seinem Motor die Welt bewegt – in seinem Jubiläumsjahr ist er Motor für Augsburg.“ Was diese Sätze konkret bedeuten, kann man im Verlauf des Hefts mühelos feststellen. Es ist keine informative Broschüre über Diesels Leben und Werk, sondern schlichtweg eine Werbeschrift für die tolle Stadt, also den „Standort“ Augsburg und in ihr beheimatete Institutionen und Betriebe. Der Erfinder Diesel wird in eine „Erfolgsstory“ eingeordnet, die bis auf den heutigen Tag fortdauert und an der alle in Augsburg lebenden Menschen, ob sie wollen (Wengert wohl selbst) oder nicht (Bertold Brecht) einen Anteil gehabt hätten und haben. Ähnliches kennt man ja von diversen Jubiläumstagen: eigentlich war alles, was in der Vergangenheit geschah, irgendwie toll und trug alles zum Triumph des Fortschritts bei – sei es dem der Menschheit, Europas, Deutschlands, Augsburgs oder Horgaus. Oder man kann – wenn es garnicht mehr anders geht – aus negativen Ereignissen der Vergangenheit zumindest verwertbare Lehren für die Gegenwart ziehen (Flucht, Krieg, Vertreibung etc.).

Diese Geschichtsdeutung gipfelt dann in absurden Sätzen wie diesen: „Neben wohlklingenden Namen wie wie Mozart, Bert Brecht, Jakob Fugger, Elias Holl und Agnes Bernauer (sic!) spielt der Name Rudolf Diesel eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Stadt Ausgburg und der Globalisierung.“ (Heinz Singlwagner, Citymanager) All diese Leute lebten also nicht für sich selbst, sind nicht deshalb erinnerungswürdig, weil sie entweder interessante Biographien oder beeindruckende intellektuelle Leistungen hervorbrachten, sondern sind es nur in ihrer Funktion, heute der Stadt Augsburg als WerbeträgerInnen dienen zu können und irgendetwas mit der Globalisierung zu tun zu haben. Dabei ist die Wahrheit schlicht eine andere: Jakob Fugger ging es wohl primär um seine Geschäfte, Bertold Brecht versuchte, ein marxistisches Theater zu entwickeln, um gerade zu verhindern, dass Leute wie der Ausgburger City Manager sich jemals positiv auf ihn beziehen können, und Agnes Bernauer – nun ja, die hatte ein tragisches Schicksal, mehr nicht. Und von irgendwelchen Augsburger Nazigrößen und anderen unliebsamen Söhnen und Töchtern der Stadt – davon redet heute wohl keiner mehr, wenn er nicht gerade Antifaschist ist. Geschichte interessiert die Verantwortlichen der Stadt Augsburg halt nur, insofern sie verwertungstauglich ist und sie sich in kulturpolitischen, tourismusförderlichen Events vermarkten lässt. Das beste Beispiel dafür ist wohl die schon etwas zurückliegende Ausstellung im Rathaus zur Geschichte von EADS, also der Ausgburger Luftfahrtindustrie, ohne dass von den Zwangsarbeitern während des 2. Weltkriegs auch nur die Rede war.

Doch nicht nur all jene „wohlklingenden Namen“ trugen ihren Teil für das Wohl der Stadt und den weltweiten Triumph des Kapitalismus (was anderes versteckt sich hinter dem nichtssagenden Begriff „Globalisierung“) bei, sondern auch heute wird jeder dazu aufgefordert, dazu sein Bestes zu geben. Die ganze Stadt steht zusammen, wenn es um das Wohl Diesels und damit das Wohl des Standorts geht. So suggeriert es die Broschüre zumindest. So kommen Vertreter verschiedener Berufsstände zu Wort und geben ihre Assoziationen zum Wort „Diesel“ preis. Ein Betriebsrat einer Spedition darf sein Unternehmen loben („Als langjähriger Kraftfahrer bei der Spedition Nuber GmbH bin ich immer mit hochmodernen MAN-Lastwagen [die eben einen Dieselmotor besitzen!] unterwegs – ein gutes Gefühl, wenn man von seiner Firma mit einem Premium-Werkzeug ausgestattet wird.“), eine Patentantwaltskanzlei wirbt mit dem Slogan „Wir hätten auch seine [eben Diesels] Erfindung geschützt.“ und der Annahof Pfarrer Frank Witzel äußert sich zum Thema „Diesel und Religion“.
Darauf, in einer solch tollen Stadt zu leben, kann und soll man natürlich auch stolz sein, trägt man doch im Kleinen seinen Obolus zum Gelingen des großen Ganzen bei. So meint der bereits wegen der uneigennützigen Ausstattung seiner Sozialpartner mit „Premium-Werkzeug“ (da hat wohl bei einem die Bierwerbung seine Spuren hinterlassen!) gelobte Spediteur Michael Nuber: „Das Diesel-Jubiläumsjahr ist eine hervorragende Gelegenheit diese Leuchttürme [also die zahlreichen hochprofitablen, innovativen Wirtschaftszweige, die in der Region siedeln] zum Strahlen zu bringen. Aber es liegt auch an allen Augsburgern selbst, diese Botschaft hinauszutragen. Und sei es nur, dass wir beim nächsten Auslandsbesuch auf die Frage, wo wir herkommen selbstbewusst antworten: Aus Augsburg, da wo der Dieselmotor erfunden wurde.“ Ganz nach dem Motto der ebenfalls vertretenen Zeitarbeitsagentur DIS AG, die ja schließlich wie einst Rudolf Diesel auch heute Pionierarbeit leistet: „Working together to win.“ Auch die Geschäftführung der bekannten Brauerei Riegele bekennt offen: „Als Augsburger sind wir stolz als Brauer dankbar für die Erfindungen von Rudolf Diesel.“
Identität, ob betriebliche, lokale oder schulische, steht eben ganz hoch im Kurs. Da ist es fast schon erfrischend, dass zwei interviewte Schülerinnen des ebenfalls beworbenen Rudolf-Diesel-Gymnasiums zugeben, dass sie sich dieses Gymnasium nicht wegen seines berühmten Namensgebers, sondern wegen des jeweils sehr kurzen Schulwegs ausgesucht haben.

Kommen wir nun zum Jubilar selbst. Dass er einen völlig neuen Motor entwickelte, ist sicherlich eine bewunderswerte Leistung. Doch man darf zugleich nicht vergessen, dass er Ingenieur war. Für seine Zunft gilt mehr noch als für alle anderen, dass es hier auf die einzelne Person so gut wie garnicht ankommt. Große Erfindungen liegen meistens in der Luft, werden nicht von einzelnen Genies über Nacht aus dem Hut gezaubert, sondern entstehen innerhalb der Weiterentwicklung eines ganzen Forschungszweiges. Genie-Kult hat also, gerade wenn es um Naturwissenschaftler geht (aber wohl auch in allen anderen Sparten) meist nur eine sehr geringe Berechtigung. Auch Wengert muss sich einige Mühe geben, um diesen Status für Diesel überzeugend belegen zu können: „Man kann Rudolf Diesel auch als Genie bezeichnen: Denn sein Examen schloss er mit dem besten Ergebnis seit Bestehens des Polytechnikums ab.“ Also wenn das das Kriterium ist, jemanden als „Genie“ zu bezeichnen, dann laufen auf der Welt aber ziemlich viele verkannte rum.

Besonders lächerlich wird der Personenkult um Diesel, wenn man ihn auf mehr als seine ohne Frage bedeutsame Erfindung ausgeht, also z.B., wie auf einem Gedenkstein im Wittelsbacher Park schreibt: „Unsterblich lebt dein Geist – weit in den Landen Japans.“ Worin soll denn bitteschön Diesels Geist bestehen? Ingenieure wie Diesel arbeiten, ganz nüchtern betrachtet, meist im Auftrag einer Firma, in seinem Fall MAN, und stellen für diese, unabhängig von ihrer persönlichen Motivation, verkäufliche neue Produkte her. Viel mehr lebt von ihnen dann auch nicht fort. Diesel hat als Mensch noch viel mehr gemacht als einen Motor zu erfinden. Aber nichts davon blieb für die Nachwelt für Bedeutung. Der „Geist“ Diesels wäre dann höchstens der typische Erfindergeist, den jeder Ingenieur aufbringen muss, will er kommerziell erfolgreich sein. Doch an diesem Geist ist wenig Originelles, es ist der schlichte subjektive Wille zum Erfolg und damit dazu, sich selbst den Gesetzen des Marktes zu unterwerfen. Manche, wie die bereits erwähnte DIS AG, sprechen auch von „Pioniergeist“ oder ähnlichem.

Auch die Autoren der Broschüre wissen jedoch, dass man mit so einer wertneutralen Instanz keinen ordentlichen Personenkult begründen kann, zudem Diesel selbst gegen Ende seines Lebens verarmte und deshalb (vermutlich) Selbstmord machte. Wille zum Erfolg und zur technischen, rationalen Lösung von Problemen, wie sie Diesel zweifellos zu eigen waren, sind nämlich keine Garanten dafür, dass die Dinge, die daraus erwachsen, auch moralisch gute Dinge sind. Die Atombombe z.B. oder die Gentechnik. Dies erkannte auch Diesel, von dem der Ausspruch überliefert ist (und auch in der Broschüre wiederholt zitiert wird): „Es ist schön, so zu gestalten und zu erfinden, wie ein Künstler gestaltet und erfindet. Aber ob die Sache gar einen Zweck gehabt hat, ob Menschen dadurch glücklicher geworden sind, das vermag ich heute nicht mehr zu entscheiden.“ Die Nachfahren Rudolf Diesels kommentieren dieses Zitat folgendermaßen: „Rudolf Diesel war wohl einer der Ersten und Wenigen, die fühlten, dass Entdeckungen der Wissenschaft und Erfindungen der Technik demjenigen, der sich macht, eine moralische Verantwortung auferlegen. Heute im Zeitalter der Atomwissenschaften und der Gentechnik hängt von einer solchen Einstellung die Zukunft der Menschheit ab.“
Nun ja, so originell ist diese Äußerung Diesels nun auch wieder nicht. Bereits der gute alte Sokrates hielt z.B. den Sophisten vor, im Gegensatz zu ihm selbst die Vermittlung von Wissen nicht um des Guten, sondern um des schnöden Mammons und des kurzfristigen Erfolgs willen zu betreiben. Insbesondere anlässlich der Atombombe fragten sich zudem viele Physiker und andere Intellektuelle, wie z.B. Bertold Brecht in seinem Theaterstück „Das Leben des Galilei“, ob man nicht so etwas wie einen hippokratischen Eid für Wissenschaftler einführen sollte.

Diese Sichtweise tut nun so, als wäre der simple Umstand, dass ich, wenn ich etwas, egal was in die Welt setze, ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr meiner Kontrolle unterliegt, ein großes moralisches Dilemma. Dieselmotoren sitzen halt nicht nur in Traktoren und LKW’s, sondern auch in Panzern und Kriegsschiffen (im 2. Weltkrieg setzte sich der Dieselmotor sogar erst richtig durch, da er weniger explosionsgefärdet als der normale Otto-Motor, was für Panzer ja durchaus wichtig ist). Wenn man so argumentiert, dann dürften eigentlich überhaupt keine Erfindungen gemacht werden, denn gemäß ihrer Natur sind sie nunmal universell einsetzbar. Zugleich spielt das Diesel-Zitat aber auch auf den Umstand an, dass es im Kapitalismus halt besonders schwierig ist, Erfindungen zu machen, die auch tatsächlich dem Wohl der Menschen und nicht nur dem irgendwelcher Unternehmen dienen. Was erfunden und produziert wird, bestimmen halt Profitinteressen, die mit den Bedürfnissen der Leute nur zufällig und daher nicht immer identisch sind. Ein gutes Beispiel sind Arzneimittel für Krankheiten, von denen nur sehr wenige Menschen betroffen sind, oder von denen nur Menschen betroffen sind, die sich keine Arzneimittel leisten können. Und an Panzern und Kriegsschiffen hat wohl auch niemand ein ernsthaftes Interesse. Aber über solche Überlegungen sind die kapitalismusgeilen Verfasser der Jubiläumsschrift natürlich erhaben.
Ohnehin wundert man sich, warum es so viele offensichtliche gesellschaftliche Probleme haben, wo doch alle einen so guten Willen haben, wie die in der Jubiläumsschrift zu Wort kommenden Lokalpatrioten. Da will jeder die Welt verbessern, sei es durch sein Engagement für den Bio-Diesel (den übrigens Rudolf Diesel selbst bereits erprobte), ein SMV-Projekt an der Schule oder das Betreiben eines Autohauses. Rudolf Diesel selbst gibt darauf einen Hinweis. Er sagte nämlich selbst über sich: „Dass ich den Dieselmotor erfunden habe, ist schön und gut. Aber meine Hauptleistung ist, dass ich die soziale Frage gelöst habe.“

Damit meinte Rudolf Diesel sein Buch „Solidarismus“, in dem er seine Überlegungen für eine bessere Welt darlegte. Eine recht gute Zusammenfassung dieser Ideen findet sich in diesem Artikel auf der Website des Rudolf-Diesel-Gymnasiums. Auch in der Jubiläumsschrift findet diese Seite Diesels Lebenswerks ihren Platz. Es geht, grob gesagt darum, Diesel als einen kapitalismuskritischen Denker jenseits des Marxismus zu feiern. Tatsächlich rief er die Proletarier nicht dazu auf, sich gegen die Kapitalisten zu verbünden und sich nach dem Sturz ihrer Herrschaft „freie Assoziationen“ zusammenzuschließen, sondern diese „freien Assoziationen“ bereits innerhalb des Kapitalismus zu begründen, indem sie Geld sammeln und genossenschaftliche, selbstverwaltete Betriebe gründen sollten. Die Arbeiter sollten also gewissermaßen zu Kapitalisten, zu Ausbeutern ihrer selbst werden. Es ist klar, dass die Apolegeten der „freien und sozialen Marktwirtschaft“ solch einem Konzept weniger kritisch als dem Sturz aller „Verhältnisse, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx) gegenüberstehen, es jedoch zugleich als utopisches, weil innerhalb des Kapitalismus nunmal nicht so ohne Weiteres realisierbares, nicht realitätstaugliches, Konzept, verwerfen.
Auch wenn Diesel mit diesen Ideen kein Erfolg beschieden war, sein Buch verkaufte sich trotz einer Auflage von 10000 Stück ganze 300 Mal, ist es ein typisches Beispiel, was herauskommt, wenn man auf eine vermeintliche „Revolution von unten“ setzt, ohne auf die Totalität der kapitalistischen Verhältnisse zu reflektieren. Auch die Freunde des Bio-Diesels schauen halt ziemlich dumm aus der Wäsche, wenn sie feststellen müssen, dass die großangelegte und vom Staat subventionierte Verwandlung von Mais, Reis und anderen Grundnahrungsmitteln in Treibstoff zu ernstlichen Ernährungsproblemen in den ärmeren Nationen in Folge ansteigender Preise führt. Sie setzen das Interesse der Industriestaaten, sich unabhängig vom Erdöl zu machen und, wenn es sich ergibt, auch den Klimawandel etwas abzumildern, absolut und erkennen nicht oder wollen nicht erkennen, dass arme Bauern in Mexiko oder Bangladesch ganz andere Interessen haben. Enjoy Capitalism.

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Um die Erkenntnisse dieses Artikels auf den Punkt zu bringen: vom Willen beseelt, den Standort Augsburg und dessen Identität zu stärken, haben Wengert und Co. eine Broschüre aufgelegt, die das Papier nicht wert ist, auf dem sie gedruckt ist. Einen Wert besitzt sie nur insofern, als dass sie ein in seiner Dichte wohl einzigartiges, stellenweise durchaus unterhaltsames, Sammelsurium kapitalistisch-lokalpatriotisch beseelter Ideologien darstellt.

Die Epigonen von Karl Marx* und Adorno*.

Anm.: Wie eine kleine flickr.com-Recherche ergab, ist „Diesel“ nicht nur der Name des Motors, des Kraftstoffs, des Schauspielers und der von ihm betriebenen Modemarke, sondern auch ein beliebter Name für Hunde und Katzen. Verwunderlich, dass diese äußerst wichtige Fazette der Nachwirkung dieses großen Sohns der Stadt in der Jubiläumsschrift gänzlich ausgespart wurde.


1 Antwort auf “Einer für Diesel, Diesel für alle”


  1. 1 Das Grauen ganz nah « Antifa Horgau Pingback am 29. Juli 2008 um 17:04 Uhr
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