An unsere katholischen Freunde

Wenn man sich im Gewimmel des katholischen Heiligenpantheons umsieht, stößt man bisweilen auf durchaus sympathische Kuriositäten. So wird in Neapel ein gewisser „Sanctus Januarius“ (italienisch: San Gennaro) als Patron des Doms verehrt. Dieser Heilige war der Legende nach nicht nur ein gewöhnlicher Märtyrer, sondern androgyn, d.h. er vereinigte männliche und weibliche Attribute in sich. So soll er z.B. Monatsblutungen gehabt haben. Zwei Fläschchen dieses männlichen Menstruationsbluts werden bis heute im Dom von Neapel als Reliquie verehrt.
Seltsam ist nur, dass diese Version der Heiligenlegende nur im Umfeld der Nietzsche-Rezeption (Nietzsche widmete dem Heiligen nämlich das 4. Buch der „Fröhlichen Wissenschaft“) überliefert und selbst auf den Online-Heiligenlexika darüber nichts zu finden ist. Hat sich die Bedeutung des Sanctus Januarius im Zuge der Modernisierung der Legende geändert? Wurde der androgyne Charakter des Heiligen im Namen des Kampfes gegen Homosexualität1, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts in ganz Europa tobte, bewusst getilgt?

Das wird so ohne Weiteres nicht zu klären sein, aber zu wünschen wäre, dass sich die katholische Kirche dieser Elemente ihres eigenen Traditionskanons wieder ein bisschen mehr besinnen würde, anstatt Homosexuelle im Sinne einer biblischen Orthodoxie als Sünder zu brandmarken.

  1. Einer der bekanntesten Märtyrer dieses Kampfes dürfte der Schriftsteller Oscar Wilde sein. [zurück]




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