Welcome to 1984

Was in den USA bereits obskure Realität ist, wird auch in der EU bald zur Norm werden: wie der „Spiegel“ berichtet, will die Bundesregierung noch diese Woche ein Gesetz verabschieden, nach dem nicht, wie bisher, nur sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Jugendlichen, sondern auch zwischen Jugendlichen selbst verboten und mit Haftstrafen von bis zu 10 Jahren belangt werden sollen. Das klingt genauso gruselig und absurd wie es ist. Auf der einen Seite werden Jugendliche durch die Medien und ihre Jugendkultur immer früher sexualisiert, man denke nur an MTV und den heutzutage üblichen Kleidungsstil bei jungen Mädchen, andererseits soll die Ausübung dieser Sexualität nun unter schwere Strafen gestellt werden! Erst wird Jugendlichen die Zigarette danach verboten, und jetzt auch noch der Geschlechtsakt selbst!
Es ist gut, dass auch bürgerliche Medien wie der „Spiegel“ an diesem Gesetz Kritik üben, doch leider ziemlich spät. Nach Äußerungen des Betreibers dieses Blogs zu diesem Thema schwebt dieses Gesetz schon seit einem Jahr im Raum – es wurde darüber halt, aus nachvollziehbaren Gründen, kein so großes Gewese gemacht. Sowas beschließen die Regierungen dann doch lieber im stillen Kämmerlein und am besten über die EU1. Für große Demos ist so keine Zeit, obwohl es hier um eines der fundamentalsten Grundrechte – das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung geht. Sicherlich wird es keine Massenverhaftungen von knutschenden Teenagerpaaren geben, doch prinzipiell eröffnet sich der Staat durch solche Gesetze Möglichkeiten zu immer weitergehenden Eingriffen in die Privatsphäre – und ein Ende dieser politischen „Agenda 1984″ ist nicht abzusehen. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis der Unterschied zwischen dem „freien Westen“ und dem Iran so obsolet wie der zwischen Eurasien und Ozeanien sein wird.
Der linke Blogger Lysis kommentiert die ganze Chose auf „Fucking Queers“: „Das bei immer mehr Themen — wie z.B. Pornographie, Prostitution, Pädophilie und Zuwanderung — geschlossene Bündnis von Konservativen und Feministinnen macht’s möglich. Ist der repressive Staat erst einmal als der große Emanzipator entdeckt, gibt es kein Halten mehr.“ Doch warum gibt es diese Tendenz, die allem Anschein nach ja global ist, und, wie Lysis richtig bemerkt, den Zug eines Schneeballsystems (je mehr desto mehr) annimmt? Besteht dazu eine Notwendigkeit vom Standpunkt der Staaten aus gesehen? Oder ist die Agenda eine „sexuelle Konterrevolution“, eine repressive Antwort auf die sexuellen Errugenschaften der 60er Jahre? Und: Wie kann man dagegen vorgehen?
All dies kann hier nicht beantwortet werden, obwohl die Kritik erst hinsichtlich solcher Fragestellungen fundiert ansetzen könnte und dann mehr wäre, als bloße Denunziation. Ansonsten kann man sich nämlich wirklich nur mit dodo vom Mädchenblog den Kopf gegen die Wand schlagen, was zwar berechtigt ist und zu einem Aufschrei führen kann, an sich jedoch unterhalb des Niveaus der Kritik bleibt.

  1. Die von der Bundesregierung bei unpopulären Entscheidungen oft vorgebrachte Ausrede, man hätte keine andere Wahl und setze nur EU-Beschlüsse um, ist übrigens vollkommen lächerlich. Wer macht denn die EU-Beschlüsse? Die Regierungen der Mitgliedsstaaten, unter denen die deutsche wohl eine der, wenn nicht sogar: die, mächtigste/n ist.[zurück]

4 Antworten auf “Welcome to 1984”


  1. 1 dodo 11. Dezember 2007 um 22:11 Uhr

    das mit dem kopf gegen die wand schlagen wäre mal die erste spontan-emotionale reaktion. wer weiterliest, sieht auch die nächste: die forderung nach einem aufschrei.
    gruß

  2. 2 Administrator 12. Dezember 2007 um 2:15 Uhr

    Ich glaube, ich habe mich in meiner Wortwahl tatsächlich ein wenig vergriffen, tut mir leid. Eigentlich hat mir den Text im Großen und Ganzen sogar sehr gut gefallen, er stellt auf jeden Fall eine ausführlichere Kritik dar als dieser Text.
    Ungeklärt bleibt halt trotzdem die Frage, was denn die Hintergründe eines derartigen Gesetzes sind. Ich vermisse die Reflexion darüber, das war eigentlich, was ich zum Ausdruck bringen wollte. Sich über solch ein Drecksgesetz aufregen ist schließlich nicht schwer, das hat auch meine ansonsten recht konservative Mutter gemacht, als ich ihr davon erzählt habe.
    Man kann natürlich diese Gesellschaft auch schon allein deshalb scheiße finden, dass es überhaupt so eine Institution wie den Staat gibt, der den Leuten verbieten darf, was er will und hat damit auch Recht, aber interessant wäre es halt zu klären, aus welchen Gründen der Staat solche Verbote erlässt.

    edit: Ich habe die Wortwahl des Artikel aufgrund deines Kommentars jetzt etwas verändert, um meine Intention deutlicher zu machen.

  3. 3 lysis 14. Dezember 2007 um 14:13 Uhr

    Kleine Korrektur: Bisher war Sex zwischen Erwachsenen und Jugendlichen (= 14- bis 18-Jährigen) keineswegs verboten. Verboten war allein der Sex mit (und zwischen) Kindern, also unter 14-Jährigen. (Im Altersbereich zwischen 14 und 16 galt darüber hinaus der § 182 StGB, welcher ursprünglich einen Tatbestand mit dem viel sagenden Titel „Verführung unbescholtener Mädchen“ erfasste.)

  4. 4 Administrator 21. Dezember 2007 um 3:42 Uhr

    @ lysis:
    Ja, das habe ich tatsächlich ein wenig überspitzt formuliert.

    Ich glaube, man muss generell feststellen, dass der Aufschrei in der linken Blog-Szene, der sich auf den Spiegel-Online-Artikel bezog, etwas übertrieben war. Die Stellungnahme des Justizministeriums lässt das Gesetz doch in einem ganz anderen Licht erscheinen.
    Aber Spiegel-Online neigt ja auch in anderen Bereichen dazu, zu übertreiben bzw. im Sinne einer reißerischen Berichterstattung Sachverhalte zu verfälschen, wie dieser Artikel über eine neue Studie über Muslime in Deutschland recht anschaulich belegt.

    In Zukunft sollte man wohl etwas vorsichtiger sein, was Spiegel-Online-Artikel betrifft und sich auch noch anderswo informieren. Trotzdem gilt es natürlich, die in diesem Gesetz zum Ausdruck kommende Tendenz, Sexualität verstärkt staatlich zu reglementieren, sehr kritisch zu beobachten.
    Die Polemik meines (und anderer) Artikel war der Sache aber wohl unangemessen.

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