Archiv für Dezember 2007

Anthropologische Argumente gegen die Utopie II – ein Ausflug in die Untiefen des Laboratoriums

Nachdem im letzten Beitrag unserer Serie „Argumente gegen die Utopie“ die Vorstellung, der Mensch sei ein von Grund auf egoistisch, böses Wesen und deshalb unfähig zur Utopie bildlich gesagt „zum Tanzen“ gebracht haben, geht es in diesem nun um die weitergehende Auffassung, es gäbe Naturkonstanten menschlicher Existenz, die diese in bestimmte Schranken verwiesen. Solch eine Sichtweise ist nicht nur auf Biologen beschränkt, eigentlich finden sie sich in so gut wie allen Wissenschaften wieder. Immer, wenn etwas nicht plausibel erklärt werden kann, greift man gerne mal auf Angeborenes zurück, das hat bereits Platon mit seinen „angeborenen Ideen“ gemacht, auch wenn die für ihn noch nicht aus den Genen, sondern aus einer pränatalen Existenz des Menschen in einem Jenseits stammten (im Dialog „Phaidon“ malt Platons „Sprecher“ Sokrates dieses Jenseits besonders großartig aus). Bürgerliche Ökonomen reden gerne vom Menschen als naturwüchsigem „homo oeconomicus“ und von Dingen wie dem „Tauschtrieb“, dem Streben nach Nutzenmaximierung o.ä., Psychologen versuchen wie z.B. Sigmund Freud in seiner Schrift „Totem und Tabu“ Dinge wie in diesem Fall die Inzestscheu zur Erklärung religiöser Riten zu verwenden. Vom „Todestrieb“ und seinen zahlreichen Nebenbuhlern ganz zu Schweigen. Bekannt dürften weiterhin die theologische Annahme der „Erbsünde“ und das philosophische Konzept des Menschen als „Mangelwesen“ sein. Ohne auf die Unterschiede dieser doch sehr heterogenen Welt- und Menschenbildern einzugehen, ist ihnen doch allen gemeinsam, dass sie, wie gesagt, eine einerseits doch recht schlichte, aber dafür umso schwerer widerlegbare, Erklärung für empirische Fakten bieten, andererseits den empirischen Fakten vom Verhalten der Menschen eine gewisse Legitimation, eine Notwendigkeit verleihen. Am Beispiel Egoismus wurde das ja bereits deutlich gemacht: hier wird der in der kapitalistischen Gesellschaft überlebensnotwendige, aggressiv nach außen gerichtete Egoismus zur Naturkonstante erklärt und so der kapitalistischen Gesellschaft als Ganzes eine Scheinnatürlichkeit unterstellt. Es ist halt ganz selbstverständlich, dass sich die Menschen die Köpfe einschlagen, sie können ja gar nicht anders.1
Der Witz ist, dass sich die Annahme von Naturkonstanten wiederum auch auf die Interpretation der empirischen Fakten auswirkt. Wenn ich von vorneherein davon ausgehe, dass es solche Konstanten gibt, dann finde ich auch ganz schnell welche und wenn ich mal auf ein Faktum stoße, das meiner Hypothese widerspricht, dann erkläre ich das eben zur Ausnahme von der Regel oder versuche es sonst wie in meine Theorie reinzuzimmern. Der Fehler liegt also offensichtlich bereits in der Fragestellung. Klar, wer in die uns aus Quellen und archäologischen Funden bekannte Geschichte schaut, wird ganz schnell auf gewisse Konstanten kommen: Krieg hat es schon immer gegeben und anscheinend haben in der Geschichte auch patriarchale Gesellschaften existiert. Kunst hat es auch schon in der Steinzeit gegeben. Ein Anthropologe geht nun her und sagt: „Es gibt einen Kriegs- und einen Kunsttrieb im Menschen und es gibt angeborene Unterschiede zwischen Mann und Frau, aus denen das Patriarchat hervorgegangen ist.“ Dies ist freilich ein sehr schlichter Schluss, der z.B. völlig von den ganz verschiedenen Formen und Inhalten von dem, was wir heute als „Kunst“ bezeichnen, absieht. Zudem wird so jedwede Möglichkeit eines anderen Zusammenlebens negiert: dass eine Gesellschaft ohne Patriarchat, ohne eine abgetrennte Sphäre mit dem Namen „Kunst“, ohne Krieg möglich wäre, gerät so aus dem Blickfeld. „Es war schon immer so und es wird auch immer so sein“, das ist der Kernsatz der Anthropologie – und zugleich eine als Wissenschaft deklarierte Affirmation der jeweiligen Gesellschaftsordnung. In der Antike ging man halt davon aus, dass es von Natur aus Sklaven und Freie gäbe – heute, dass die marktförmige Konkurrenz den menschlichen Genen immanent* sei. (mehr…)

Welcome to 1984

Was in den USA bereits obskure Realität ist, wird auch in der EU bald zur Norm werden: wie der „Spiegel“ berichtet, will die Bundesregierung noch diese Woche ein Gesetz verabschieden, nach dem nicht, wie bisher, nur sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Jugendlichen, sondern auch zwischen Jugendlichen selbst verboten und mit Haftstrafen von bis zu 10 Jahren belangt werden sollen. Das klingt genauso gruselig und absurd wie es ist. Auf der einen Seite werden Jugendliche durch die Medien und ihre Jugendkultur immer früher sexualisiert, man denke nur an MTV und den heutzutage üblichen Kleidungsstil bei jungen Mädchen, andererseits soll die Ausübung dieser Sexualität nun unter schwere Strafen gestellt werden! Erst wird Jugendlichen die Zigarette danach verboten, und jetzt auch noch der Geschlechtsakt selbst! (mehr…)

Bürgerliche Heuchelei at its best – ein Kommentar zur Mindestlohndebatte

Was soll man von Parteien wie der FDP halten? Einerseits sagt deren Vorsitzender Guido Westerwelle in einem Interview mit der „Rheinischen Post“: „Es gibt in Deutschland wieder zu viel DDR, zu viel Planwirtschaft, zu viel Bevormundung und zu viel Unfreiheit. Der staatliche Interventionismus hat wieder eine gewisse Konjunktur in Deutschland. Das liegt aber auch daran, dass manche Freunde der Freiheit nahezu vollständig wegtauchen“(Quelle) und bezeichnet als „Freunde der Freiheit“ dann die Unternehmerverbände BDI und BDA, die sich durch die „Nähe zur Macht“ hätten verführen lassen, andererseits äußerte sich der stellvertretende Vorsitzende Rainer Brüderle zu dem geschickten Aktienverkauf des Vorstandsvorsitzen der Post: „Dieses Monopoly-Spiel passt nicht zu unserer sozialen Marktwirtschaft. Schwarz-Rot hat Herrn Zumwinkel durch den Post-Mindestlohn ein großes Weihnachtsgeschenk beschert“(Quelle). Andererseits sind für die FDP arbeiternehmerfreundliche Eingriffe des Staates wie die Einführung eines Mindestlohns für Briefträger also bereits Planwirtschaft und DDR1, andererseits ist es schlecht, wenn die „Freunde der Freiheit“ BDI und BDA nach Einfluss in der Politik Streben und ein deutscher Manager sich gemäß den Spielregeln des Aktienmarktes verhält, von seiner Freiheit also Gebrauch macht. Der Freiheitsbegriff der Liberalen scheint also auszuschließen, dass Aktionäre frei über ihre Aktien verfügen, ohne damit anderen Schade direkt Schaden zuzufügen und dass sich ein Unternehmen wie die Post für seine Interessen stark macht, aber einzuschließen, dass im Postsektor von Seiten der Unternehmer Hungerlöhne gezahlt werden, was die Freiheit der dort Angestellten durchaus beschränkt. Aber wer in den Unternehmerverbänden die „Freunde der Freiheit“ repräsentiert sieht, verfügt wohl über genug Kreativität, das alles unter einen Hut zu bringen.2 (mehr…)

Anthropologische Argumente gegen die Utopie I

Die häufigsten und wirkungsmächtigsten Einwände, die gegen die Utopie gebracht werden, sind anthropologischer Natur. Die „Natur des Menschen“ verhindere es, dass eine andere Gesellschaft möglich sei, was mit einschließt, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse zugleich mit der „Natur des Menschen“ erklärt und gerechtfertigt werden. Die Argumentationsarten sind dabei unterschiedlich, obwohl allen gewisse Ähnlichkeiten zu Grunde liegen. Hier sollen zwei Argumentationsarten getrennt behandelt werden, obwohl es natürlich Überschneidungen gibt: zum einen eine Art „homo homini lupus“ (der Mensch ist dem Menschen ein Wolf)-Argumentation, die in der Philosophie und Religion eine lange Geschichte hat, zum anderen der eher neuere, biologistische Ansatz, dem Menschen bestimmte angeborene Verhaltensmuster zu unterstellen. Beide Ansätze unterscheiden sich v.a. durch ihre Fundierung: beim ersteren ist diese eine eher geistes-, beim letzten eine eher naturwissenschaftliche. Im Folgenden soll es nur um die erste Form gehen. (mehr…)




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