Archiv für April 2007

Freinacht ist uncool

Wer denkt, die in dem Ort, in dem wir leben, so beliebte „Freinacht“ hätte irgendetwas mit „frei“ zu tun, kann dies unserer Meinung nach auch vom Freitag, den wir als letzten Tag der Schulwoche durchaus zu schätzen wissen, tun. Denn was ist bitteschön toll daran, in einer Nacht des Jahres, nämlich der vom 30. April zum 1. Mai, randalierend durch den Ort zu ziehen und den Rest des Jahres brav daheim vorm Fernseher zu sitzen und sich ein Bierchen einzuflösen? Ähnlich Weihnachten, Ostern, dem Valentinstag, Silvester und dem ganzen anderen Kram, der im Kalender rot angefärbt ist, kritisieren wir die bürgerliche Feierkultur, da es in ihr nur darum geht, potentiell radikale Bedürfnisse in reglementierte Formen zu bringen und, ohne einen Schaden für die Gesellschaft, scheinzuerfüllen. Der Wunsch nach Randale, also sinnlos zelebrierter, gemeinschaftlicher Zerstörung bzw. Zweckentfremdung fremden Eigentums, ist ein solches. Es enthält ein unbewusstes Wissen davon, dass Eigentumsverhältnisse Machtverhältnisse sind und letztendlich jeder vernünftigen Begründung entbehren. Erscheint es den heute Lebenden lächerlich, dass man im feudalen Zeitalter annahm, es bestehe ein gottgegebenes Recht, dass alles Land samt seinen Bewohneren einer kleinen Gruppe Auserwählter, durch nichts legitimiert als ihre Abstammung, gehörte, so könnte man wohl ebenso darüber lachen (obwohl es einem dann doch eher im Halse stecken bleibt), dass im jetzigen Zeitalter ernsthaft behauptet wird, individuelle „Leistung“, worin immer die bestehen mag, ziehe automatisch individuelle Besitzansprüche auf Güter, die letztendlich gesamtgesellschaftliche produziert werden, nach sich. Randale negiert dieses Eigentumsprinzip, das Milliarden Menschen von dem, was dem Stand der Produktivkräfte nach möglich wäre, ausschließt, vollkommen, indem es ihr ja nicht nur um die Verschiebung von Eigentum, wie dem Diebstahl, geht, in absolut emanzipatorischer Art und Weise. Randale ist also gutzuheißen, doch die verdammten bürgerlichen Eigentumsverhältnisse existieren 1. nicht nur einmal im Jahr und 2. fehlt der Randale jede revolutionäre Aura, wenn sie als kontrollierte Pflichtübung im Bierrausch an einem von der Obrigkeit festgesetzten Termin vollzogen wird. Das lächerliche, heteronome Treiben der Bauernkinder, freiwilligen Feuerwehrler und Schützenvereinskumpanen, die in der Freinacht das Dorf achso brutal heimsuchen, hat mit der Umwälzung jener bornierten Eigentumsordnung ebenso wenig zu tun wie die zwanghafte Feuchtfröhlichkeit beim dörflichen Faschingsball (bei dem, wie unsere verdeckten Ermittler berichteten, auch die örtliche Naziszene in ulkiger Skinheadkostümierung ein gern gesehener Gast ist) mit Spaß.
Lange Rede, kurzer Sinn: wir bleiben am 30. April zu Hause, gucken „Desperate Housewives“ oder lesen ein gutes Buch und machen Randale, wann es uns passt und nicht, wenn es der Bürgermeister will und die Polizei toleriert und rufen alle, die checken, dass sie genausoviel Recht auf den Besitz eines Falchbildfernsehers wie der reiche Nachbar haben und deswegen seinen Briefkasten mit Senf beschmieren wollen, dazu auf, das doch bitte am 2., 3. oder 5. Mai zu tun, einfach, wenn sie darauf Lust haben. (mehr…)




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